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Bleiben Sie elastisch!

Diakon Guido Schütte

Von meinem Schlafzimmerfenster aus kann ich direkt in die Lichtung eines kleinen Mischwäldchens hineinschauen, an deren Rand seit einigen Jahren eine etwa drei Meter hohe Buche eher unauffällig wächst; leider nicht unauffällig genug, um nicht die Aufmerksamkeit von zwei Jungen auf sich zu ziehen, denen die geradwüchsige Schönheit des jungen Baumes keine Ruhe lassen wollte. Nervöses Drumherumlaufen, irgendwann der erste Tritt gegen den dünnen glatten Stamm. Das Rascheln der aufgeworfenen grünen Blätter lockte ein breites, hohles Grinsen in das Gesicht des Tretenden. Jetzt musste der andere Junge auch mal. Noch ein Rascheln, noch ein blasses Grinsen. Dann wurde mit vereinten Kräften zugegriffen. Nach links umknicken, nach rechts umknicken, nach links, nach rechts ... Und jetzt: Im Umknicken nachtreten, draufspringen, direkt über der Wurzel – immer schneller, immer heftiger. Das muss doch endlich knacken, splittern, reißen! Aber: Nichts dergleichen passierte.

Ich bekam als zunehmend gereizter Beobachter einmal mehr den Eindruck von Menschen, die zumindest vorübergehend den Verstand verloren haben. Da wächst dieser Baum jahrelang unbehelligt heran, um eines willkürlichen Tages in wenigen Minuten das Opfer halbstarker Überflüssigkeiten zu werden! Gerade wollte ich aus der Wohnung schießen und den selbsternannten Holzfällern gehörig den Marsch blasen, da ließen sie von dem jungen Baum ab, der einfach nicht zerbrechen wollte. Es kehrten menschliche Züge in ihre Gesichter zurück, während sie sich enttäuscht davonmachten.

Der junge Baum stand erst einmal ziemlich verschrammt und mit erheblicher Schlagseite da, und ich fragte mich, ob er das wohl überstehen würde. In den folgenden Tagen richtete er sich langsam wieder auf, zunächst allerdings, ohne seine makellose Geradheit zurückzubekommen. Als ich dann nach einiger Zeit wieder nach ihm schaute, hatte er sich aber doch vollständig gestreckt, und es scheint, als ob nie etwas geschehen wäre! Gerade hat er sein Herbstlaub fallen lassen, und seine Äste haben sich seit der Attacke gut einen Meter höher in den Himmel geschoben.

Um zu verstehen, wie so etwas funktioniert, müssen wir die Überlebensstrategie einer Pflanze betrachten, die für eine Lebenszeit von dreihundert Jahren und mehr ausgelegt ist. Und die lautet: Zäh und doch elastisch bleiben. Der Baum beugt sich den mehr oder weniger gewaltigen Kräften, die auf ihn wirken, verliert dabei aber seine inneren Fügungen nicht. Lassen die äußeren Einflüsse nach, entspannt er sich in seine ursprünglichen Proportionen zurück und setzt seinen Wachstumsweg fort. Das scheinbar ratsame Sprichwort „der Klügere gibt nach“ erklärt diesen Vorgang längst nicht vollständig; das hätte lediglich das Durchbrechen des Stammes und damit das Ende des jungen Baumes bedeutet.

Jesus Christus liegt diese zähe Elastizität am Herzen, wenn er die Menschen auffordert: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“. Es geht nicht darum, sinn- und grundlos Gewalt zu ertragen, sondern darum, dem Gegenüber eine selbstbewusste innere Geschlossenheit zu zeigen, die das Bestehenbleiben stets im Auge behält. Wenn „einer“ dann wider Erwarten tatsächlich noch einmal in das hingehaltene, ungeschützte Gesicht schlägt, wird er sich lächerlich machen. Eine solch ursprüngliche christliche Haltung führt schließlich dazu, dass sich der vermeintlich Schwächere, ohne Gewalt anwenden zu müssen, dauerhaft als der Stärkere erweist.


Eine gesegnete Woche wünscht Ihnen
Diakon Guido Schütte

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