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Das Geschenk des Glaubens

Diakon Guido Schütte

Im November 1917 machte die überzeugte Atheistin Edith Stein einen Kondolenzbesuch bei einer jungen Frau, deren Ehemann nach kurzer glücklicher Ehe plötzlich verstorben war. Zu ihrer Verblüffung öffnete nicht etwa ein verzweifelter und gebrochener Mensch die Wohnungstür, sondern eine gefasst und getröstet wirkende Witwe. Die bat sie herein und erzählte unter anderem von ihrem christlichen Glauben und der Kraft, die sie daraus gewinnt, um ihren Schmerz tragen zu können. Später sagte Edith Stein über dieses Erlebnis: "Es war dies meine erste Begegnung mit dem Kreuz und der göttlichen Kraft, die es seinen Trägern mitteilt. […] Es war der Augenblick, in dem mein Unglaube zusammenbrach, das Judentum verblasste und Christus aufstrahlte: Christus im Geheimnis des Kreuzes." Nach vier Jahren weiterer Annäherung an das Christentum wurde Edith Stein am Neujahrsfest 1922 getauft und verbrachte ein beeindruckendes Leben voller Hingabe an Jesus Christus und die Menschen. Am 9. August 1942 starb sie als katholische Ordensfrau und Märtyrin jüdischer Abstammung in Auschwitz. Seit 1998 verehrt die Kirche sie als Heilige, seit 1999 als Mitpatronin Europas.

Wie bei talentierten und erfolgreichen Geisteswissenschaftlern häufig zu beobachten, hatte Edith Stein bis zu dieser Begegnung alles Religiöse für überflüssig erklärt. Ausgerechnet im Glauben fand sie nun die Wahrheit, die sie in der Philosophie vergeblich gesucht hatte.

Ein vergleichbares Erlebnis wird uns im Johannesevangelium geschildert (Joh 20,24-29): „Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!  Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Vielleicht erstaunt Sie meine Überzeugung, dass Thomas seine Finger gar nicht in die Wundmale Christi gelegt hat. Erstens wird das nicht überliefert, und zweitens sagt Jesus zu Thomas: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du“, nicht etwa: „Weil du mich berührt hast, glaubst du“. Vor allem aber war das Berühren denkbar überflüssig, denn beim Anblick des Herrn strömt der Glaube in Thomas ein, und das einzige, was er in diesem überwältigenden Moment noch herausbringt, ist die Wahrheit der Erkenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“

„Glauben heißt: Fallenlassen der Bedingungen“ (Robert Spaemann). Der Akt des Glaubens beginnt nicht dann, wenn unsere Erwartungen erfüllt sind, sondern dann, wenn der Heilige Geist in unserem Innersten „andockt“. Das ist immer Geschenk Gottes. Das kann ein überraschendes, erschütterndes, beeindruckendes, aber auch ein ganz unspektakuläres Ereignis sein. Jesus Christus empfiehlt uns, eine solche Begegnung vertrauensvoll und wachsam zu erwarten. Dann können wir in Gemeinschaft mit den Heiligen zu denen gehören, über die er sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

 

Eine gesegnete Woche wünscht Ihnen


Diakon Guido Schütte

 


 

Den gesprochenen Text dieses Beitrages finden Sie hier.

 

 

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