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Dem Widerspruch widersprechen …?

Krankenhauspfarrer Edgar Zoor

Zu den beeindruckendsten Begegnungen in der Klinikseelsorge gehören für mich immer wieder Gespräche mit Patienten und Patientinnen, die mit einem transplantierten Organ leben: „Seit über 20 Jahren lebe ich jetzt schon mit einer neuen Lunge!“ – wenn sich ein Mensch in einem Gespräch mitten im Trubel des Klinikalltags dafür entscheidet, mir diesen sehr persönlichen Aspekt seines Lebens mitzuteilen, bin ich immer sehr emotional  berührt. Dann spüre ich Freude über das gerettete Leben. Da ist dann aber oft auch ein Mitfühlen mit dem häufig so anstrengenden lebenslangen Begleitnotwendigkeiten nach einer Organtransplantation: oftmals eine lebenslange besondere Diät, immer wieder Klinikaufenthalte zur Kontrolle und vor allem  eine permanente Medikamenteneinnahme, die die Abstoßung des empfangenen Organs verhindern soll.
Und ganz regelmäßig wird da auch in mir auch der Gedanke an die Angehörigen des Spenders oder der Spenderin lebendig , die ja jetzt ohne ihn/sie leben müssen – manchmal getröstet durch die Tatsache, dass jetzt durch diesen Tod ein anderer Mensch weiterleben kann. Es ist also immer wieder eine „Achterbahn der Gefühle“, in die ich da ganz unfreiwillig einsteige, wenn mir Menschen davon erzählen, dass sie mit einem gespendeten Organ leben.
In unserer Gesellschaft hat sich in diesem Themenfeld Einiges entwickelt: Es gab eine Phase, in der die Bereitschaft, im Falle eines Todes und der medizinischen Möglichkeit ein Organ zu spenden, sehr hoch war. Dann kamen aber auch immer wieder Skandale ans Tageslicht: Empfängerlisten wurden mutmaßlich manipuliert, um vermutlich zahlungskräftigen Empfängern schneller ein Spenderorgan zu ermöglichen. Ganz gleich, ob das wirklich so ist oder nicht - die Bereitschaft zur Organspende hat dadurch spürbar abgenommen.
Und nun hat in den vergangenen Monaten unser Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen neuen Vorstoß gewagt: Um wieder mehr Menschen zu einer Organspende zu bewegen, möchte er zukünftig in der BRD die gesetzliche Regelung einführen, dass zunächst einmal davon auszugehen ist, dass jeder Mensch im Fall seines Todes als Organspender/in in Frage kommt. Möchte er/sie dies nicht, soll dem zu Lebzeiten widersprochen werden. Diese sog. „Widerspruchslösung“  wird im Augenblick stark diskutiert.  Sie würde eine „Zustimmungslösung“ beenden, die aktuell bei uns gilt.
Ich möchte mich dafür einsetzen, dass wir dieses Thema zu einem unserer Alltagsthemen machen. Ich möchte darum auch an dieser Stelle dafür werben, ganz persönlich zu einer überlegten Entscheidung zu kommen, wie Sie es für sich ganz individuell wünschen, dass diese Frage in unserer Gesellschaft geregelt wird.
Nur als Impuls möchte ich darum hier in diesem Rahmen meine persönliche Überzeugung an Sie weitergeben: Als Christ verstehe ich mein Menschsein nicht als zufällige Kombination meiner Seele mit meinem Leib. Ich habe nicht einen Leib und eine Seele: Ich bin vielmehr mein Leib und meine Seele. Und darum hat auch kein anderer Mensch in dieser Welt ein Recht auf meinen Leib – auch nicht auf einen Teil meines Leibes – und seien die Gründe auch noch so edel und lauter. Es gibt aus der Sicht der christlichen Ethik keine Pflicht zur Organspende. Die Kirche lehrt darum im Katechismus: “Im Menschen sind Geist und Materie nicht zwei vereinte Naturen, sondern ihre Einheit bildet eine einzige Natur.“ (KKK 365).
Und die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche Deutschlands positionierten sich bereits 1990 in einer gemeinsamen Erklärung mit folgender Aussage: „Nach christlichen Verständnis ist das Leben und damit der Leib ein Geschenk des Schöpfers, über das der Mensch nicht nach Belieben verfügen kann, das er aber nach sorgfältiger Gewissensprüfung aus Liebe zum Nächsten einsetzen darf.“
Für mich persönlich gilt darum: Ich muss niemanden in dieser Welt begründen, warum ich  einem anderen Menschen im Fall meines Todes kein Organ spenden möchte. Wenn wir in unserer Gesellschaft bereits unter diesem Druck stehen, uns dafür rechtfertigen zu müssen, dass wir keine Organe spenden möchten, dann sind wir einen Schritt zu weit gegangen.
Neugierig geworden? Dann möchte ich Sie schon jetzt einladen, am diesjährigen Patronatsfest im St. Josef Hospital noch mehr zu dieser Thematik zu erfahren. Wir werden am 19. März nach der Feier der Eucharistie um 18.00h gegen 19.00h einen Informations- und Diskussionsabend zu dieser Thematik anbieten – mit sachkundigen Referenten und auch Betroffenen. Eine „richtige“ Einladung kommt dazu noch! Möchten Sie sich diesen Termin nicht schon mal vormerken? Es könnte vielleicht helfen, in aller Ruhe die Frage zu klären, ob Sie dem Widerspruch zustimmen oder ihm widersprechen möchten.

E. Zoor, KhPfr

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