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Den Seinen gibt’s der Herr ...

Diakon Guido Schütte

9. September 1990. Soeben verklingt in der Royal Albert Hall in London der Schlussakkord von Bruckners Fünfter Sinfonie, gespielt vom BBC Symphony Orchestra unter der Leitung des Ersten Gastdirigenten Günter Wand. In den Verklang hinein bricht der tosende Applaus von 7000 anwesenden Zuhörern. Der 78-jährige Dirigent taumelt etwas unter der Anstrengung des 75-minütigen Mammut-Konzertes, dann nickt er den Musikern anerkennend zu, deutet ihnen aufzustehen, dreht sich zum Publikum um und verneigt sich. In den nochmals anschwellenden Applaus mischen sich „Bravo“-Rufe. Über zehn Minuten lang belohnt das Publikum stehend die Leistungen von Komponist, Dirigent und Orchester.

Anton Bruckner (1824-1896)

Unter dem Eindruck dieses Erfolges ist die Verbreitungsgeschichte der Sinfonie kaum nachzuvollziehen. Anton Bruckner komponierte sie um 1875/76, hat aber bis 1887 immer wieder Änderungen vorgenommen. Eine vom Dirigenten Franz Schalk völlig entstellte „Uraufführung“, die 1894 stattfand, wurde zwar wohlwollend aufgenommen, letztlich verstand man die geniale Größe des langen und schwierigen Werkes aber nicht und ging ihm lieber aus dem Weg. Bruckner selbst hat nicht eine Note der Sinfonie von einem Orchester gespielt gehört. Erst ab 1935 fand die Originalfassung allmählich Eingang in die Konzertsäle.

Günter Wand (1912-2002)

Auch der Dirigent Günter Wand hat jahrzehntelang einen Bogen um Bruckners Fünfte gemacht – bis der WDR im Jahre 1974 wegen einer Radioaufnahme mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester bei ihm anfragte. Nach erster, schroffer Ablehnung sagte er dann doch zu und erarbeitete sich die Sinfonie anhand einer völlig unbenutzten Partitur der Originalfassung, die er im Notenbestand des Kölner Gürzenichorchesters fand. Das Ergebnis verblüfft die Musikwelt bis heute und war der Beginn von Günter Wands Alterskarriere als einem der profiliertesten Bruckner-Interpreten seiner Zeit. Das Konzert in London dirigierte er auf dem Höhepunkt seiner Beschäftigung mit der Fünften Sinfonie, als er die geradezu brutale Dynamik der Kölner Aufnahme hinter sich gelassen und die altersgnädige Milde der späten Darbietungen mit den Berliner Philharmonikern noch nicht im Sinn hatte.

Mehr Musikgeschichte möchte ich Ihnen gar nicht zumuten. Ich schildere dieses Geschehen so ausführlich, um Ihnen ein Gefühl für das Leben von Menschen zu vermitteln, die von ihrem Schöpfer mit herausragenden Talenten ausgestattet wurden. In diesem Fall war Anton Bruckner sechzig Jahre lang der Einzige, der die Originalfassung der Fünften Sinfonie in ihrer ganzen Größe gehört hat – im Kopf! Das war für ihn genauso normal wie die Fähigkeit, sich solche Musik auszudenken und schließlich niederzuschreiben. Günter Wand wiederum hatte die seltene Gabe, die niedergeschriebene musikalische Aussage auf dem Blatt im Detail zu durchdringen und mit eiserner Konsequenz in denkwürdige Konzertereignisse umzusetzen.

Wenn Sie jetzt meinen: „Und ich? Bei Betrachtung derartiger Talente komme ich mir immer kleiner vor“, dann denken Sie daran, dass diese Menschen oft einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Außerdem haben vielleicht gerade Sie bemerkenswerte Fähigkeiten, über die ein Anton Bruckner nur gestaunt hätte, vielleicht können Sie etwas, auf das ein Günter Wand ein bisschen neidisch gewesen wäre. Ich glaube, Gott rüstet jeden Menschen mit allem aus, was er braucht, um den Platz im Leben einzunehmen, auf den er ihn berufen hat. Die eigentliche Lebensaufgabe ist es dann, tief in sich hereinzuhören, zu beobachten und diesen Platz zu besetzen. Mit anderen Worten: Die eigentliche Leistung von Anton Bruckner und Günter Wand besteht darin, dass sie diese Aufgabe gemeistert haben.

 

Ein frohes Pfingstfest und eine gesegnete Woche wünscht Ihnen

Diakon Guido Schütte

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