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„Die Kunst des Müßiggangs“

Diakon Gottfried Rempe

…so lautet eine Erzählung des österreichischen Dichters Karl-Heinz Waggerl, die ich oft schon verschenkt und deren Gedanken ich natürlich auch für mich zu beherzigen versucht habe.

Ähnliche Gedanken, wie Waggerl sie beschreibt, wenn auch unter einem anderen Aspekt, finden sich in dem sehr lesenswerten Sachbuch „Muße. Vom Glück des Nichtstuns“ von Ulrich Schnabel, einem Wirtschaftsjournalisten. Es ist ein Buch voller Beobachtungen zum Leben in unserer Beschleunigungsgesellschaft, zusammengetragen aus aktueller soziologischer und psychologischer Wissenschaft.

Technische Innovationen der letzten Jahrzehnte haben unseren Alltag rasant beschleunigt, und wir können uns dem kaum entziehen. Wir haben – das spüren viele Menschen schmerzlich – nicht etwa Zeit gewonnen, sondern erledigen immer mehr in der gleichen Zeit. Nicht nur die Arbeit, sondern auch die Gestaltung arbeitsfreier Zeiten geraten unter einen kontraproduktiven Zeitdruck. Die Seele ist kaum noch „offline“. Manches Mal fühlte ich mich beim Lesen des o. g. Buches „ertappt“: „Ja, so ist es auch bei dir.“

Mit einfachen Zeitmanagement-Ratgebern ist dem nur schwer beizukommen. Sie sorgen meist nur für weitere Beschleunigung, dass wir in der gleichen Zeit mehr schaffen und unterbringen. „Entschleunigung“ ist weniger eine Sache des richtigen Zeitmanagements. Es braucht einen Mentalitätswandel: die Erlaubnis zur Muße. Das gilt gerade für die vor uns liegenden „Fest- und Feiertage“, für die bevorstehende Urlaubszeit.

Manche Beobachtungen von Ulrich Schnabel greifen nicht nur Erkenntnisse der Soziologie auf, sondern auch uralte Einsichten christlicher Spiritualität. Dazu gehören auch seine Gedanken zum „Verlust der Ewigkeit“.

„Mit dem Siegeszug des rationalen Denkens ist uns zugleich jener Trost abhanden gekommen, den früher die Religion versprach – nämlich die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Das hat dramatische Folgen sowohl für unsere Vorstellungen vom Leben als auch für unseren Umgang mit der Zeit. Unser Leben wird zur „letzten Gelegenheit“. Denn wer die Aussicht auf eine Fortsetzung im Jenseits verloren hat, dem bleibt nur eine Hoffnung auf das Paradies – er muss es hier und heute verwirklichen. Wir wissen zwar, dass wir sterben müssen, aber wir versuchen, vor dem Sterben noch möglichst viel, unendlich viel unterzubringen. Wer doppelt so schnell lebt, kann praktisch zwei Lebensphasen in einem unterbringen. Und wenn es auf das Leben vor dem Tod ankommt, ist das eine attraktive Strategie – auch wenn sie nicht aufgeht. Muße und Glück bleiben dabei auf der Strecke.“

Das sind Beobachtungen und Gedanken, die der christlichen Tradition nicht fremd sind. So kann man bei Martin Luther in einem Brief, den er 1530 an Philipp Me-lanchthon schrieb, lesen:

„Man dient Gott auch durch Nichtstun, ja durch keine Sache mehr als durch Nichtstun. Deshalb nämlich hat er gewollt, dass vor anderen Dingen der Sabbat so streng gehalten werde. Siehe zu, dass Du dies nicht verachtest.“

Ich freue mich, dass es in den Kirchen unseres Pastoralverbundes – so sie geöffnet sind – „Inseln der Muße“ gibt, im Alltag und am Sonntag. Darum stehe ich fröhlich dazu, dass ich die Öffnung verkaufsoffener Sonntage nicht als Gewinn bürgerlicher Freiheit begreifen kann, sondern als Ausdruck eines Wirtschaftsliberalismus, der Freiheit auf „uneingeschränkte Konsumfreiheit“ reduziert.

Ich wünsche Ihnen in der vor Ihnen liegenden Zeit die Kraft, auf die Bremse Ihres „Hamsterrades“ zu treten! Könnte dabei nicht auch eine stille Einkehr in unseren Kirchen helfen?

 

Es grüßt Sie herzlich!

Gottfried Rempe, Diakon

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