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Ein Haus voll Glorie?

Diakon Manfred Lohmann

Liebe Leser!

Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad' in seine Kirch' berufen hat; nie will ich von ihr weichen. Ich singe dieses Lied gern, nicht nur wegen der schönen Melodie. Manchen geht es ähnlich; andere dagegen haben gegen dies Lied eine tiefe Abneigung.

Die Kirche ist immer schon angefeindet und verfolgt worden, aber sie ist ebenso glühend verteidigt und geliebt worden. Leider beteiligen sich heute auch sehr viele Christen an der herben und oftmals ungerechten Kritik an der Kirche, die uns, zur Zeit, allenthalben aus den Massenmedien entgegenschlägt. Was ist der Grund dafür? Ich denke, es liegt vor allem daran, daß man die Kirche ähnlich wie den Staat ansieht und sie wie eine unter vielen politischen Organisationen betrachtet. Die ganze Verdrossenheit gegenüber der Politik und das geschwundene Vertrauen in die Staatsdiener überträgt sich so leicht auf die Kirche. Dazu kommt dann der absolute Anspruch der Kirche, die Wahrheit zu kennen und zu verkündigen: Ein solcher Anspruch steht im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien moderner Gesellschaften; wer im öffentlichen Leben ernst genommen werden will, darf sich nicht absolut setzen, sondern muß jederzeit zugeben, daß andere Meinungen ebenso recht haben können.

Wäre die Kirche nur eine menschliche Institution, eine soziologische Größe, dann müßte sie sich natürlich nach den Maßstäben des modernen demokratischen Denkens verhalten. Ich will das gar nicht weiter ausführen, weil die ganze Annahme auf einem Irrtum beruht: Die Kirche ist nämlich keine rein menschliche Institution, sondern sie ist in erster Linie eine göttliche, unsichtbare Wirklichkeit, ein Geheimnis, das nur im Glauben erkannt und verstanden werden kann. In ihr lebt Christus auf mystische Weise weiter, er ist ihr Haupt, sie ist sein Leib; der Heilige Geist belebt die Kirche, so wie die Seele den menschlichen Leib beseelt. Deshalb ist die Kirche heilig, unbefleckt und makellos, obwohl ihre Glieder – wir Christen – Sünder sind und durch unsere Sünden die wesentliche Heiligkeit der Kirche verdecken.

In dem Maße, in dem ich als Kind zur Kirche geführt wurde, in dem Maße wurde mir der Glaube geschenkt, und in dem Maße, in dem ich mich in meiner Jugendzeit von der Kirche entfernt und mich meinen eigenen scheinbar vernünftigen Ideen und Theorien überlassen hatte, in dem Maße hatte ich den Glauben verloren. Denn es ist die Kirche, die die Botschaft Jesu getreu überliefert hat durch die Jahrhunderte, und es ist der Heilige Geist, der bis heute und bis zum Jüngsten Tag in der Kirche wirkt, damit sie den rechten Glauben bewahren kann. Sobald mir dies geradezu schlagartig klar wurde, empfand ich eine große Liebe zur Kirche, die ich bis heute nicht verloren habe und mit Gottes Hilfe hoffentlich nie verlieren werde. Dank der Kirche darf ich glauben, bin getauft und so Kind Gottes. Die Kirche ist gewissermaßen die Mutter aller Christen, denn durch die Taufe gehören wir ihr als Glieder an und haben Gott zum Vater.

Freilich weiß ich, daß es auch viele dunkle Seiten an der Kirche gibt und in der Vergangenheit gegeben hat. Es wäre falsch und unlauter, das zu verschweigen. Viele Christen und auch Nichtchristen hatten unter Amtsträgern der Kirche wie auch unter gewöhnlichen Mitchristen zu leiden. Und von dem Ärgernis der Spaltung der Christenheit will ich jetzt gar nicht reden, sonst käme ich an kein Ende. So wird die Heiligkeit der Kirche verdunkelt, und viele nehmen Anstoß an ihr. Und doch ist es überaus erstaunlich, daß die Kirche bisher nicht untergegangen ist, wie es allen mächtigen Reichen und Institutionen gegangen ist. Offenbar hat sie eine größere Kraft zur Selbstkritik und Selbstreinigung als gewöhnliche menschliche Organisationen. Obwohl sie aus Menschen besteht, die fehlbar sind und sich ganz und gar festfahren können, atmet tief in ihr der Heilige Geist, der stets zur Erneuerung und Reinigung des Glaubens und der Liebe antreibt. Besonders deutlich sichtbar wird das an den zahlreichen Heiligen, die in der Kirche gewirkt haben. Ganz gleich, welches Lebenszeugnis wir betrachten, immer werden wir feststellen, daß die Heiligen vor allem aus den Sakramenten der Kirche gelebt und ihre Kraft bezogen haben. Selbst wenn ihnen tiefes Unrecht von seiten der Bischöfe oder des Papstes zugefügt wurde, haben sie die Kirche nie verlassen oder zum Kampf gegen die Kirche aufgerufen. Gerade durch ihr vorbildliches Leben haben sie dazu beigetragen, daß die göttliche Seite der Kirche wieder zum Vorschein kam und Mißstände ausgeräumt wurden. Sie wußten, daß sie mit Christus nur eins bleiben konnten, wenn sie mit der Kirche verbunden blieben.

Was bedeutet das für uns? Vor vierzig Jahren war es vergleichsweise leichter, sich mit der Kirche zu identifizieren, man brauchte sich nur in die große Schar der Kirchgänger einzureihen und war ergriffen von dem Gefühl: „Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land, aus ewgem Stein erbauet von Gottes Meisterhand!" Aber wir wissen, daß das nur eine sehr kurze Epoche war. Vorher hatten die Nazis die Kirche verfolgt, nachher zerstreute sich die große Herde, und die Glorie war nicht mehr so deutlich sichtbar. Darin liegt heute vielleicht die größte Anfechtung: Habe ich aufs falsche Pferd gesetzt? Wo sind die Scharen geblieben? Jesus sagt: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde!" Ob wir viele sind oder wenige – es kommt vor allem darauf an, daß wir dem Herrn treu bleiben und uns nicht irremachen lassen vom zeitbedingten Auf und Ab. In unserer Treue liegt der Samen für viele Bekehrungen.

Dank sei dem Herrn.

Manfred Lohmann (CL)

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