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Erkennt um!

Diakon Guido Schütte

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, in der man für einen guten Sitzplatz spätestens eine Viertelstunde vor Beginn der Sonntagsmesse in der Kirche war? Wo man in der Dunkelheit der bevorstehenden Osternachtsfeier aufpassen musste, sich bei niemandem auf den Schoß zu setzen?  Um solche Dinge müssen wir uns in diesen Tagen keine Gedanken machen. Die Schar der sonntäglichen Gottesdienstbesucher ist überschaubar geworden, und auch an den Feiertagen findet jeder Nachzügler noch ein großzügig bemessenes Plätzchen.

„Missbrauchsskandal, steigende Austrittszahlen und die Vertrauenskrise der katholischen Kirche sind Zeichen ihres Umbruchs. All diese Phänomene zeigen, dass die Kirche einem epochalen Wandel unterliegt“, erklärte Walter Kardinal Kasper Anfang Mai in Osnabrück. Ob man diesen „epochalen Wandel“ innerhalb der Kirche inzwischen in seinem ganzen Ausmaß wahrnimmt? Diese Frage stelle ich und beobachte dabei oberflächliche, teils aufwändig inszenierte Versuche, verlorenes Terrain wiederzugewinnen – von denen man in der Regel nach einiger Zeit nichts mehr hört.

Es kommt mir so vor, als ob unsere Kirche auch fünfzig Jahre nach der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der nachkonziliaren Zeit immer noch nicht angekommen ist. Gerade bei uns in Deutschland wurden die Konzilsbeschlüsse in vielen Reformansätzen mit ängstlicher Eile auf den Weg gebracht und frühzeitig in starre Formen gegossen, so dass sie sich kaum mehr weiterentwickeln konnten und längst wieder überholt sind.

Der eigentliche Auftrag des Konzils an die Kirche war und ist aber, das Evangelium den Menschen immer neu in ihrer jeweiligen Zeit verständlich zu machen! Nicht die Reform soll also die erste Tat sein, sondern das fortschreitende aufmerksame Beobachten der Welt, in der die Kirche zu wirken hat. Daraus darf sich dann eine Anpassung dieses Wirkens ergeben, die gleichzeitig die Fundamente unseres Glaubens in ihrer Unveränderlichkeit respektiert. „Kirche muss […] neu von Gott reden und nicht von innerkirchlichen Fragen, die für viele Menschen keinerlei Bedeutung haben“, so Kardinal Kasper. Eine wahrhaft herausfordernde Aufgabe, die immer den inspirierenden Beistand des Heiligen Geistes braucht.

Jesus Christus beginnt seine Rede über Gott mit der Aufforderung: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15). Der Theologe (und Psychiater) Manfred Lütz weist darauf hin, dass man das griechische μετάνοια („metánoia“) des Urtextes nicht nur mit „Umkehren“, sondern auch mit „Um-Erkennen“ übersetzen kann. Dieses „Um-Erkennen“ meint die erwartungsvolle Hinwendung zu Gott an genau dem Platz im Leben, an dem man gerade steht.

„Neu von Gott reden“ bedeutet dann für die Kirche, diese Bereitschaft zur Hinwendung aufzugreifen und mit der Erfahrung von zweitausend Jahren behilflich zu sein bei der freien Entscheidung, sich dem Wirken Gottes zu öffnen.

Ich bin davon überzeugt, dass weitaus mehr Menschen zu dieser Form der respektvollen Hinführung bereit sind als zu einer vorschüssig erwarteten Kehrtwendung ohne wirkliche Motivation, die immer den Geruch der Bevormundung trägt. Vielleicht füllen sich unsere Gotteshäuser dann wieder mit neugierigen Menschen, die die Feier der Liturgie im Herzen aufnehmen und als Bereicherung empfinden.

 

Eine gesegnete Woche wünscht Ihnen


Diakon Guido Schütte

 


 

Den gesprochenen Text dieses Beitrages finden Sie hier.

 

 

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