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Fegefeuer und Ablass

Pfarrer Hubertus Rath

Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt Momente im Leben, da würde man am liebsten im Boden versinken, weil sie so schrecklich peinlich sind und man sich so sehr schämt. Manchmal sind es eher lustige kleine Begebenheiten, z.B. das Bild im Führerschein von vor dreißig Jahren, das man nicht mehr vorzeigen möchte, oder Anekdötchen aus der Kindheit und Jugendzeit. Manchmal sind es aber auch wichtige Erkenntnisse, wenn mir plötzlich bewusst wird, dass ich jemanden falsch beurteilt habe und ihn deswegen ungerecht behandelt habe.

Es heißt, jede Geschichte hat zwei Seiten. Natürlich kenne ich meine Seite, aber die Sicht auf die andere Seite bleibt mir oft verstellt. So kommt es zu Missverständnissen und Ungerechtigkeiten. Was ist richtig, was ist falsch? Wer hat recht, wer ist im Unrecht? Wie soll man das beurteilen, solange man nur die eine, die eigene Seite sieht. Manchmal wird uns die Erkenntnis der anderen Seite zuteil und wir erkennen, dass wir falsch liegen. Diese Erkenntnis ist mit dem Gefühl der Scham verbunden. Wir spüren die Notwendigkeit, uns zu entschuldigen und bitten um Vergebung. Das ist nicht leicht, aber wenn man nicht leichtfertig darüber weggehen will, ist es die einzige Möglichkeit, damit umzugehen.

Unseren Empfindungen sind bestimmte Verben zugeordnet: Freude erfüllt uns, Trauer legt sich auf uns und Scham brennt in uns. Dieses Brennen spüren wir, je nachdem, um was es geht, als lodernd oder als glimmend, wenn wir bei jemandem Abbitte leisten müssen.

So, liebe Schwestern und Brüder, verstehe ich den Begriff des Fegefeuers. Es ist uns kein von Gott zugewiesener Ort im Jenseits, in dem es brennt und weh tut. Es ist für mich genau dieser Moment, wenn ich auf mein Leben zurückschaue, nicht nur auf meine Seite meiner Geschichte, sondern mit Gottes Hilfe auch die andere Seite der Geschichte unverstellt und unbehindert erblicken kann. Ich glaube schon, dass ich dann in mir das Feuer der Scham spüren werde über die Momente, wo ich vollkommen falsch beurteilt, behandelt oder unterlassen habe.

Aus meiner persönlichen und meiner seelsorglichen Erfahrung weiß ich, dass es egal ist, ob jemand plötzlich stirbt oder sich alle lange darauf vorbereiten können, ob jemand jung oder alt stirbt, eines bleibt bei allen gleich: Es bleibt immer noch etwas, was man hätte sagen können, es bleibt immer noch etwas, was man hätte tun können. Auch dieses Gefühl brennt in uns. Wenn wir diesseits des Tores zum Leben so empfinden, warum soll es unseren Angehörigen jenseits des Tores zum Leben anders ergehen? Auch sie werden spüren, dass noch etwas unvollkommen zurückgeblieben ist, und mit Gottes Hilfe werden sie es deutlicher sehen als wir. Auch diese Erkenntnis ist ein Moment des „Fegefeuers“. In diesem Zusammenhang verstehe ich das Wort „Ablass“, im Sinne von: „Lass ab von diesen Gedanken. Sie binden dich an das Vergangene und hindern dich an dem Neuen. Blick nicht zurück, sondern voraus.“ Wir bewältigen diesen Wechsel in der Zeit der Trauer. Und Fegefeuer heißt nichts anderes, als das auch unsere verstorbenen Angehörigen diesen Wechsel in einer Art Trauer vollziehen werden, damit auch sie sich ganz dem neuen Leben bei Gott zuwenden können.

 

Mit freundlichen Grüßen

H. Rath

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