Druck starten Dieses Fenster schließen

Seite: Genau.1679.0.html
Datum: 23. November 2017 - 12:05 Uhr

„Genau!“

Pastor
Peter Lauschus

Kennen sie das? Jemand erklärt etwas länger, und immer wieder zwischendurch fällt ein Wort, zum Beispiel: „Genau!“. Oder etwas anderes. Es hat keinen wirklichen Zusammenhang mit dem, was gesagt wird, wiederholt sich aber immer wieder. Es wirkt wie ein kleiner Ruhepunkt, wie eine kurze Pause, ein Innehalten, um noch einmal kurz zurück zu sehen, zu überprüfen, ob alles gesagt worden ist, ob alles richtig ist, ob nichts vergessen worden ist. Und wie ein kurzes Stoppen, um nach vorne zu schauen, sich zu sammeln und dann wieder ein Stück voranzuschreiten. Wenn man zuhört, kann es einem zum Schmunzeln bringen, vielleicht sogar nervös machen, aber für den, der spricht, ist es offensichtlich hilfreich. Man merkt es gar nicht, ich jedenfalls musste lange überlegen, bevor ich mein „Haltewort“ entdeckte. Manchmal ist es sogar nur ein Geräusch „Ähem!“ oder etwas Ähnliches. Im Zeitzeichen auf wdr 5 habe ich gelernt, dass Che Guevara seinen Spitznamen auch von so einer Gewohnheit bekommen hat: er beendete fast alle seine Sätze mit „Che“, das ist im Argentinischen so etwas wie „Gell!“ im Schwäbischen.

Ein völlig sinnloser Laut? Eine Art Geräusch? Ist es nicht mehr? Ich habe lange darüber nachgedacht und finde es nicht nutzlos oder sinnlos: Es ist eine kleine Revolte gegen die absolute Effizienz, die uns in allen Lebensbereichen empfohlen wird. In seiner Nutzlosigkeit kann dieses Haltewort auf die vielen Dinge hinweisen, die ebenfalls nicht effizient und gewinnbringend sind, aber das Leben doch erst schön machen: Das Fest, das Mahl, die Ruhe, die Liebe und noch vieles mehr. Der Sonntag ist auch so etwas „nutzloses“, das viel „Gewinn“ bringt, nicht in Euro, aber im „Lebenswert“! Und da dieses Haltewort so spontan kommt, ist es für mich ein Zeichen, dass dies alles lebensnotwendig ist, sonst würde die Natur es nicht einfordern!

In meiner Zeit in Lemgo habe ich einen alten Pastor begleitet, der in der DDR gearbeitet und sicher kein leichtes Leben gehabt hat. Auf seine alten Tage war er dement geworden und alles, was er sagte, war: „Amen! Halleluja!“ Auch so ein Haltewort, das ihm und seiner Schwester, die ihn pflegte, Halt gab. Hier zeigt sich, dass man sein Haltewort vielleicht nicht ausgeliefert ist, sondern es möglicherweise sogar kultivieren kann. Im Sinne der alten Stoßgebete, die manche noch – bewusst oder unbewusst – praktizieren. Auf jeden Fall ein Versuch wert. Vielleicht haben sie ja Lust, etwas draus zu machen. Und vielleicht ist ihnen auch der Gedanke gekommen, ich müsste mal wieder „Momo“ von Michael Ende lesen oder einen Rosenkranz jetzt im Oktober beten, mich für eine Zeit an einen ruhigen Ort zurückziehen oder mein Leben irgendwie anders entschleunigen. Auf jeden Fall wünsche ich ihnen ein gutes Gelingen.

Peter Lauschus