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Helmtrud von Heerse

Der folgende Artikel ist der zweite Teil des Vortrages von Dr. Peter Bonk und P. Thomas Wunram: Sie folgen dem Lamm... Walburga und Helmtrud - die Heiligen von Heerse am Sonntag, 27.10.2002 in der Stiftskirche


Wenden wir unsere Aufmerksamkeit nun jener 2. Frau der Frühzeit des Stiftes Heerse zu. Sie mag als junges Mädchen die Gründerin noch persönlich gekannt haben.

Aber um sie zu verstehen, müssen wir zunächst weiter zurückgreifen zu den Wurzeln der christlicher Spiritualität.

Wege der Nachfolge

Antonius von Ägypten: Statue an der Antoniusquelle/Kluskapelle
Antonius von Ägypten: Statue an der Antoniusquelle/Kluskapelle

Seit frühesten Zeiten der Kirche sind Lebensformen, die auf eine radikaler Nachfolge des Lammes zielen nachweisbar und belegbar. Im Mönchtum, im Eremiten- und Einsiedlerdasein haben Männer und Frauen diesem Ideal eine Form gegeben. Nordafrika und Ägypten – die Wüstenväter sind jedem von Ihnen ein Begriff – waren Ausgangspunkte dieser Bewegung, bis Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert in seinem Orden diesen „Wanderheiligen“, die nicht selten zur Landplage geworden waren, eine feste Regel und einen festen Wohnsitz verordnete. In Irland – und von da aus über Schottland nach England - fand die Spiritualität der Wüstenväter eine ganz eigene – und für die Mission Nord- und Mitteleuropas prägende Ausformung. Und immer wieder waren es adlige und begüterte Frauen und Männer, die gemäß dem Rat Jesu Christi zur Vollkommenheit und zur Nachfolge all ihren Besitz verkauften, den Erlös den Armen gaben, um so einen „Schatz im Himmel“ zu erstreben.

Der Urtyp eines mönchischen Lebens (monachos = alleine) – und ich habe ihn deshalb gewählt, weil die Neuenheerser Kluskapelle ihm geweiht ist, ist der hl. Antonius, der Einsiedler, oder auch der Große genannt. Er wurde um 250 – also in diesen Tagen genau vor 1750 Jahren – in Mittelägypten geboren. Seine Eltern waren Christen und recht vermögend. Sie starben, als Antonius 20 Jahre alt war. Eines Sonntags hörte er in der Kirche die Worte Jesu an den reichen Jüngling: „Geh´ hin, verkaufe alles, was du hast, gib das Geld des Armen, dann komm und folge mir nach.“ (Mt 19,21) Antonius verkaufte alle seine bewegliche Habe. Die Immobilien ließ er zur Versorgung seiner Schwester unangetastet. Und nunmehr mittellos verdiente sich Antonius seinen Lebensunterhalt durch Handarbeit – in der Antike eine Schande. (Banausen – BANAYSOI wurden die Handwerker genannt.) In der Einsamkeit der Wüste geht Antonius durch alle Täler der Versuchung bis hin zu körperlichen Auseinandersetzungen mit den bösen Geistern und Mächten. Durch sein Leben kündet Antonius von christlicher Weisheit und christlichem Leben in einer Zeit, die wir die römische Kaiserzeit, die römische Antike nennen.

Helmtrud-Fenster in der Kluskapelle
Helmtrud-Fenster in der Kluskapelle

Wüstenheilige, Säulenheilige, die Schlaflosen, um nur einige dieser markanten Lebensformen zu nennen, hatten in extremer Weise einen Weg gesucht, der Forderung des hl. Paulus „Betet allezeit“ (1Thess 5,17) nachzukommen. Sie hatten in einer säkularisierten Zeit Zeichen gesetzt. Ihnen sind andere nachgefolgt und haben in der Spätantike und der Folgezeiten Zeichen gesetzt – zwar kirchenrechtlich geordnet, aber immer mit den gleichen Zielen werden Männer und Frauen die möchsiche Lebensform, verstärkt im Einsiedlerwesen, suchen und finden bis hin zur hl. Helmtrud und bis in unsere Tage, wo beispielsweise die Klus Eddesen im Warburger Land von einer Benediktinerin aus dem Kloster Fluda bewohnt wird. Dieser große Bogen der besonderen Nachfolge Christi mag Pfr. Anton Gemmeke vor Augen gestanden haben, als er in der Kluskapelle ein Fensterbild der hl. Helmtrud anbringen ließ.

Was also wissen wir von Helmtrud ?

Eintrag der Helmtrud im Necrolog
Eintrag der Helmtrud im Necrolog

Die wohl älteste Nachricht, die wir im Stift selbst von Helmtrud haben ist ein Eintrag im Necrolog vom 30 Mai. Der Eintrag lautet lapidar: O (biit) Helmdrut s (oror) inclusa. „Am 30 Mai verstarb Helmdrut, Sie war Schwester und Inklusin.“ Auch hier findet sich kein Hinweis auf eine besondere Verehrung. Anzumerken ist dabei, dass der Necrolog in der uns vorliegenden Form wohl im Jahre 1337 geschrieben wurde. Es gilt jedoch als sicher, dass der Schreiber dieses Werkes eine ältere, schon im Zerfall begriffene Vorlage hatte. Sie, so scheint es, geht bis ins 11. oder 10. Jahrhundert zurück.

Nähere Auskünfte erhalten wir aus dem Paderborner Martyriologium, also dem Paderborner Heiligenkalender, der unter Bischof Imad (1051 – 1076) neu gefasst und erweitert wurde. Auch hier ist die Erwähnung Helmtruds noch einigermaßen zeitnah: Unter dem 31. Mai erscheint Helmtrud als ancilla Dei et reclusa, in einem weiteren Verzeichnis als ancilla Dei et reclusa in Heerse, der die hl. Cordula erschienen ist.

Helmtrud und die Ursula-Legende

Hier nun sind wir bei einem entscheidenden Punkt angelangt. Der Verbindung zwischen Neuenheerse und Köln. Dass diese Verbindung bestand – und womöglich auf die hl. Helmtrud zurückgeht, zeigen zwei weitere Einträge im Necrologium Herisiensis.

Die Jungfrauen von Köln, gemeint sind Ursula und ihre Gefährten. Wenige Jahre nach dem Tod der Helmtrud, um das Jahr 975 ist eine Passio, eine Leidensgeschichte der hl. Ursula erschienen. Darin wird im 4. Kapitel erzählt, wie eine von diesen Jungfrauen, nämlich besagte Cordula einer frommen Inklusin, namens Helentrud erschienen sei, um diese über ihr eigenes Martyrerschicksal zu informieren, und sie beauftragte, den Frauen, die in Köln am Grab der hl. Jungfrauen wachen, Kunde davon zu bringen und sie zu weisen, ihrer (der hl. Cordula) am Tage nach der hl. Ursula (also 22. Oktober) zu gedenken.

Der Verfasser jener Schrift führt weiter aus: Est locus in saxonia herse ibique usque hodie gloriosa sanctimonialium congregatio, ubi sancta illa nata et nutrita peracto sanctissimae vitae cursu nunc corporaliter in pace quiescit, quamvis ultime temporis sui aliquantum in monte, qui civitas Iburg sita est, in eadem sanctitate exegerit.

Übersetzt: Es gibt einen Ort namens Heerse im Sachsenland, wo bis zum heutigen Tag eine Gemeinschaft ehrwürdiger Sanctimonialen wohnt. An diesem Ort ist Helmtrud – und hier wird es spannend – geboren und erzogen worden, und nach einem heiligmäßigen Leben ruht ihr Leib nun hier in Frieden, nachdem sie vorher auf einem Berg, auf dem die Iburg gelegen ist, eine Zeit in derselben Heiligkeit verbracht hatte.

Wir halten fest:

  • Helmtrud ist in Heerse geboren – nata est! Im Heiligenkalender der Kirche steht ein Neuenheerser Mädchen!
  • Sie wurde in Neuenheerse erzogen – nutriata est! Hier mag man an ihr Elternhaus denken und auch schon an die magistra, die Lehrerin des Stiftes.
  • Sie hat in Neuenheerse ein ganz und gar heiligmäßiges sanctissima vita als Stiftsdame geführt
  • Eine Zeit lang hat sie auf der Iburg als Inklusin gelebt.
  • Und in Neuenheerse hat sie ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Helmtrud: Eine Heilige aus der Heimat

Detail des Helmtrud-Fensters
Detail des Helmtrud-Fensters Teil der alten Klosteranlage auf der Iburg
Teil der alten Klosteranlage auf der Iburg

Jetzt also bekommt diese Heilige für uns ein Gesicht, auch wenn ihr Leben sich schon vor mehr als 1000 Jahren in Gott vollendet hat. Wie Walburga ist Helmtrud ein Kind des Paderborner Landes, ja sie ist gebürtig aus Neuenheerse. Hier hat sie ihr Leben verbracht. Hier hat sie gebetet, gewirkt, ist hier gestorben und begraben. Ihre Lebenszeit dürfte auf die Jahre 900 bis 950 einzugrenzen sein.

Doch hören wir uns das Gespräch zwischen Kordula und Helmtrud nach den Aufzeichnungen der Passio an: Zunächst ist da von der Wallfahrt der hl. Ursula und ihrer Gefährtinnen die Rede. Auf dem Rückweg nach England wurden sie bei Köln von Hunnen überfallen und für ihre Treue zu Christus ermordet.

Die Passio fährt fort: Zu dieser Heiligen Gesellschaft gehörte auch eine Jungfrau namens Kordula. Diese war in jener Nacht, wo die übrigen Jungfrauen ihr Leben für Christus hingaben, im unteren Raum eines Schiffes allein verborgen geblieben, hatte sich aber darauf aus freien Stücken zum Tode, vor dem sie geflohen, gestellt und war so den siegreichen Scharen mit derselben Ehre des Martertums gefolgt. ... Nach Verlauf vieler Jahre erschien die genannte Kordula in einem Gesichte einer sowohl durch ihren Lebenswandel als durch ihre großen Verdienste ausgezeichneten Inkluse namens Helmtrud und fragte sie als Freundin, ob sie von ihr noch erkannt würde. Obgleich diese eine heilige und Gott innigst ergebene Person war, so erschrak sie doch vor ihr; denn sie war doch immerhin ein Menschenkind, und in ihrer verweslichen Natur konnte sie den Glanz der himmlischen Schönheit und Majestät nicht ertragen. Die Jungfrau war nämlich über alle Menschen Kunst wunderbar prächtig gekleidet und trug auf ihrem Haupte eine mit Lilien und Rosen durchflochtene Krone. Als die Gottesmagd sich von der Furcht etwas erholt hatte, sagte sie: „Ich bin zu unwürdig, um eine solche Majestät zu erkennen; denn ich stehe“, sagte sie, „noch unter dem Gesetzte der Sünde, du aber bist schon fern von aller Vergänglichkeit, in den Chor der Himmlischen aufgenommen.“ Da sprach jene: „Wisse, ich bin eine aus der Schar der kölnischen Jungfrauen, welche die anderen, als sie im Tode für Christus triumphierten, eine Nacht überlebt, sich aber am folgenden Tage aus Verlangen nach dem Tode, und zwar aus freien Stücken den Mördern gestellt hat. So habe ich in Christo sterbend weder meine Schwestern verlassen noch die Marterkrone der anderen verloren. Ganz Köln verehrt nun feierlich den glorreichen Todestag derselben, wie es sich geziemt. Aber für mich wird bis jetzt kein Gedächtnis gehalten, auch nicht ein kleines. Daher komme, zu diesem Gehorsam verpflichte ich dich, und verkündige in meinem Namen den Nonnen, welche bei unsern Körpern in frommer Weise Wache halten, dass sie am Tag nach der Feier des glorreichen Todes meiner Schwestern auch mir ihre Verehrung zollen, da unter allen Jungfrauen, welche bei ihnen ruhen, ich allein nicht verehrt werde. Als darauf Helmtrud nach ihrem Namen fragte, befahl die Jungfrau ihr nach der Stirne zu sehen, um zweifellos zu wissen, dass sie so heiße, wie dort geschrieben stehe. Jene gehorchte, sah hin und fand mit deutlich geschriebenen Silben den Namen „Kordula“.

Wir dürfen uns durch dieses für uns fremdartige Ansinnen auf Verehrung nicht den Blick verstellen. Es entspricht dem Gefühl des 10. Jahrhunderts und zeigt die Bedeutung der Gedächtnisfeiern für die damalige Zeit. In Köln jedenfalls hat man dem Bericht der Helmtrud Glauben geschenkt und das Fest der hl. Cordula steht seither im Heiligenkalender am 22. Oktober. Dass im Necorolog von Heerse die Übertragung der Reliquien der Jungfrauen von Köln auftauchen, mag mit diesem Ereignis in ursächlichem Zusammenhang stehen.

Inklusen

Inklusenfenster (?) der Lambertikapelle
Inklusenfenster (?) der Lambertikapelle Inklusenfenster von innen
Inklusenfenster von innen

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit auf die für uns ebenso fremdartig erscheinende Lebensform der INKLUSA; der EINGESCHLOSSENEN. Im Nekrolog werden noch 3 andere Inklusen erwähnt:

  • unter dem 3. Juli: Athelbracht pbr (Presbyter = Priester) et inclusus
  • Unter dem 4. Juli: Wicburch inclusa S
  • unter dem 24. November Ava in iburg inclusa S

Tatsächlich handelt es sich dabei um ein Eingeschlossenwerden in eine Zelle. Wir können es nur verstehen als Radikalisierung der Idee der Klausur, wie sie die institutio sanctimonialium immer wieder betont. Selbstverständlich war das Leben als Inkluse eine freie Entscheidung, der eine jahrelange Prüfung durch Geistliche Begleiter, durch die Äbtissin und nicht zuletzt durch den Bischof vorausging. Der Bischof selbst musste seine Einwilligung geben. Drei Öffnungen verbinden dann den Inklusen mit der Außenwelt. Eine ist auf den Altar gerichtet – Der Raum war immer an einer Kirche angebracht. Diese Öffnung diente der Anbetung und der Mitfeier der Eucharistie. Die zweite diente der Ver- und Entsorgung leiblicher Erfordernisse. Und eine dritte diente dem Kontakt mit Menschen, die Rat suchten, Trost oder fürbittendes Gebet. Sehr oft waren diese Einsiedler Ratgeber und geistliche Begleiter. Der Schreiber der Kölner Passio beglaubigt die Heiligkeit der Helmtrud auch durch Wunder, die in ihrem Umfeld – und auf ihre Fürbitte hin geschehen sind – selbst noch an ihrem Grab: Blinde erhalten ihr Augenlicht zurück, Behinderte und Kranke erfahren Heilung, Besessene werden von den sie quälenden bösen Geistern befreit.

Jene Straße, die heute den Namen von Pfarrer Gemmeke trägt, hieß vor der Kommunalen Neugliederung von 1975 „Helmtrudisstraße“. In Bad Driburg gibt es heute noch eine Straße mit ihrem Namen. Außerdem gibt es in Neuenheerse die Kordulastraße.

Auf konsequente und radikale Weise hat Helmtrud die institutio ernstgenommen und ist dem Lamme nachgefolgt in die Einsamkeit, ins Schweigen, in die Kontemplation. Aber eben nicht um aus der Welt zu flüchten, sondern um ihren einzigartigen Auftrag für diese Welt wahrzunehmen: Sie wurde zur großen Ratgeberin für viele, die suchen, sie hat wie Christus Heil gebracht – und sie hat in der Kirche des Ottonischen Reiches unverwechselbar ihre Spuren hinterlassen.

Vor etwa 150 Jahren noch berichtet ein Besucher der Heerser Kirche, dass er hinabgestiegen sei zum Grab der hl. Helmtrud.

Nachdenklich stimmt es uns heute, dass wir seit jener Zeit vergessen haben, wo in unserer Kirche ihr Grab liegt.

Jungfräulichkeit

Lassen Sie mich am Ende unserer Ausführungen ein Wort zur Jungfräulichkeit sagen: Virgo, Jungfrau, ist ein Wort, das heute, auch schon im Vortrag über Saturnina oftmals gefallen ist. Jungfräulichkeit ist für die Heiligen, für die Menschen, die sie heute leben, nicht eine Tatsache, sondern eine Tat. Sie ist kein Zustand, sondern immer neu geforderte Entscheidung. Ihr Ziel ist nicht die Ehelosigkeit oder die Enthaltsamkeit in sexuellen Dingen schlechthin, also ein Ziel um seiner Selbst willen, sondern das völlige Freisein für Gott und die göttlichen Dinge, sie ist letztlich darauf ausgerichtet, ganz und allein mit Christus verbunden zu sein und zu bleiben.

Jungfräulichkeit ist eine Weise, dem Lamme zu folgen, wohin es geht.


In dieser engen Verbindung mit Christus aber waren bei den Heiligen von Heerse, bei Walburga und Helmtrud, die Mitmenschen einbezogen, all jene, die Rat und tätige Hilfe brauchten.

Solche Frauen, den Heiligen von Heerse, deren Grab diese Kirche bedeckt, ein wenig näher gekommen zu sein, das war alle Mühe für dieses Vortrages wert.

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