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Kennen Sie „Zizanion“?

Krankenhauspfarrer
Edgar Zoor

Liebe Leserinnen und Leser,

kennen Sie „Zizanion“? Darum soll es heute in dieser Ausgabe der Pfarrnachrichten gehen. In der letzten Veröffentlichung haben wir im Zusammenhang mit dem Diözesanen Forum 2017 das Bild für das Reich Gottes angeschaut, das vom Sauerteig spricht. Heute möchte ich Ihnen ein zweites Bild anbieten, das ebenfalls das Wachsen des Reiches Gottes in der Welt geistlich deutet. Es stammt aus der Welt des Ackerbaus:

Jesus erzählt von einem Sämann, dessen Aussaat sabotiert wurde: Sein Feind säte nachts Unkraut auf das Feld der Weizensaat: Zizanion. Dieses Unkraut gleicht Weizen ganz stark. In unserer Sprache wird es „Taumellolch“ genannt. Wenn Menschen diese Pflanze oder seine Körner essen, führt dies zu starkem Schwindel und kann zum Tod führen. Diese Unkrautsaat ging natürlich genauso auf wie die gesäten Weizenkörner. Die Feldarbeiter berichteten dies ihrem Arbeitgeber mit dem Vorschlag, das Unkraut sofort auszureißen. Doch der Feldbesitzer durchschaute die Sache: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.“ (vgl. Mt 13,24-30)

Dieses Gleichnis hat für mich etwas Beruhigendes. Denn in der Welt und in der Kirche, die ich um mich herum erlebe und in der ich mich selbst auch wiederfinde, gibt es Vieles, was ich für mich schon längst als nicht gut einsortiert habe: Eigene Verhaltensweisen und solche anderer Mitmenschen, der scheinbar immer stärker werdende Nationalismus im eigenen Land und in vielen unserer Nachbarländer, die neue Volksreligion „Hedonismus“, die immer nur dem eigenen Lustgewinn opfert – um nur drei Beispiele zu nennen. Und dagegen möchte ich doch so gerne etwas tun – genauso wie die Landarbeiter, die sofort das Unkraut Zizanion ausreißen möchten.

Aber: Sie werden vom Gutsherrn ausgebremst: „Lasst beides wachsen bis zu Ernte!“

Offensichtlich ist ein eindeutiges Unterscheiden für uns Menschen nicht so einfach möglich. Was wirklich gut und schlecht ist, kann in letzter Klarheit sicherlich nur Gott erkennen. Das gibt mir etwas mehr Gelassenheit.

Aber dennoch spüre ich auch eine Möglichkeit, mit dem Nicht-Guten in meiner Umwelt umgehen zu können: Ich muss es ja nicht gleich ausreißen – aber ich kann die Finger davon lassen. Und das entscheidende Kriterium: Gut ist das, was mich und andere Menschen wirklich nährt und wachsen lässt. Alles, was mich und andere dagegen „taumeln“ lässt, ist schlecht: Was auf Dauer in uns Unsicherheit stiftet und die Würde nimmt, was uns den Boden unter den Füßen wegreißt: Das können Worte sein, die ich anderen sage oder die ich von anderen höre. Das kann alles Mögliche sein, was ich so mache und womit ich das Leben anderer berühre und von was ich in meinem Leben durch das Tun anderer berührt werde.

Das Gleichnis vom Unkraut in der Weizensaat gibt mir den Mut, es stehen zu lassen, aber nicht danach zu greifen, denn ich könnte mir die Finger daran verbrennen. Und das Beste zum Schluss: Gott selbst wird für Klarheit und reinen Weizen sorgen!

Edgar Zoor, Krankenhauspfarrer

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