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Nur Mut!

Diakon Guido Schütte

„Könnte ich mein Leben nochmals leben, dann würde ich das nächste Mal riskieren, mehr Fehler zu machen. Ich würde mich entspannen, lockerer und humorvoller sein als dieses Mal. Ich kenne nur sehr wenige Dinge, die ich ernst nehmen würde.
Ich würde mehr verreisen. Und ein bisschen verrückter sein. Ich würde mehr Berge erklimmen, mehr Flüsse durchschwimmen und mir mehr Sonnenuntergänge anschauen. Ich würde mehr spazieren gehen und mir alles besser anschauen. Ich würde öfter ein Eis essen und weniger Bohnen. Ich hätte mehr echte Schwierigkeiten als eingebildete. Müsste ich es noch einmal machen, ich würde einfach versuchen, immer nur einen Augenblick nach dem anderen zu leben, anstatt jeden Tag schon für viele Jahre im voraus.
Könnte ich noch einmal von vorne anfangen, würde ich viel herumkommen, viele Dinge tun und mit sehr wenig Gepäck reisen. Könnte ich mein Leben nochmals leben, würde ich im Frühjahr früher und im Herbst länger barfuß gehen. Und ich würde öfter die Schule schwänzen.
Ich würde mir nicht so hohe Stellungen erarbeiten, es sei denn ich käme zufällig daran. Auf dem Rummelplatz würde ich viel mehr Fahrten machen, und ich würde mehr Gänseblümchen pflücken.“

Dieser Text, der schon vor 1935 bekannt war und der neben einigen weiteren Autoren vor allem einer 86-jährigen Nadine Stair zugeschrieben wird, findet sich tausendfach in der Literatur und im Internet: Mal auf Lebenshilfeseiten, mal in Karriere-Ratgebern, mal länger, mal kürzer – immer so, wie es dem jeweiligem Aussagewunsch am besten dienlich ist. Ich finde es beeindruckend, dass dieser Text bis heute offenbar nichts an Aktualität verloren hat und in so vielen verschiedenen Zusammenhängen zitiert wird. Anscheinend berührt er den Kern der menschlichen Existenz und stellt das Ideal einer Lebenshaltung auf, die von den meisten Menschen geteilt, jedoch im Alltag nicht erreicht wird. Woran liegt das?

Vielleicht daran, dass wir bei den meisten Dingen, die wir, vor allem öffentlich, tun wollen, allzu sorgfältig abwägen, was wohl „die Leute“ davon denken – von den Dingen und von uns. In vorauseilendem Gehorsam erfüllen wir den vermuteten Urteilsspruch eines empfundenen Gerichts, dem die Menschen unserer Umgebung vorsitzen, und hoffen, richtig verstanden zu werden und hinterher besser dazustehen als vorher.

Die alte Dame im Text hat in den späten Tagen ihres Lebens zu Recht erkannt, dass dieses vermeintliche Urteil, soweit es überhaupt existiert, für die Lebensgestaltung kaum eine Rolle spielt. Dass die Anderen uns in der Regel „machen lassen“. Dass wir uns also mit Fug und Recht „gelassen“ fühlen dürfen! Schließlich geht es nicht darum, ohne Rücksicht auf Verluste und auf Kosten anderer „sein Ding zu machen“, sondern es geht darum, nach innen zu horchen, sein Leben frei und selbstbestimmt zu gestalten und sich von möglichen Meinungen anderer nicht aus der Bahn werfen zu lassen.

Zu nichts anderem fordert uns Jesus Christus im Advent auf. „Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um!“ meint diesen inneren Wandel, den die alte Dame vollziehen würde. Aber genau hier liegt der Unterschied: Aus „könnte, würde, hätte“ wird im christlichen Sinne „kann, wird, hat“! Umkehren heißt, die Sache anzupacken. Nicht irgendwann, vielleicht, beim nächsten Mal, sondern heute, jetzt! Der emeritierte Limburger Bischof Franz Kamphaus fasst diese christliche Aufforderung so zusammen: „Mach’s wie Gott: Werde Mensch.“


Eine gesegnete Woche wünscht Ihnen
Diakon Guido Schütte

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