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Stille Zeiten

Gemeindereferentin
Anne Frank

Ruhe – es liegt eine Ruhe auf diesem Ort; nicht schwer oder beklemmend, nicht langweilig oder lahm, es ist einfach ruhig, angenehm ruhig. Sie überrascht ein wenig nach dem vielen Organisieren, den Autos und Menschen in den Straßen, den Informationen und der Musik aus dem Radio; und ich brauche eine Zeit, bis ich mich dem Rhythmus des Klosters angepasst habe. Hier zählt eine etwas andere Prioritätenliste als die aus der Welt, aus der ich komme. „Wir sind hier, um zu beten.“, erklärt die Schwester lächelnd und während in meiner Wirklichkeit Gebet und Gottesdienst in die Freizeit gehören und auch dort nur einen kleinen Teil einnehmen, ist es an diesem Ort genau umgekehrt. An erster Stelle stehen die Gebetszeiten, alles andere wird darum herum organisiert; ora et labora – bete und arbeite.
Eine knappe Woche sind wir im Gästehaus der Benediktinerinnen - Abtei vom Heiligen Kreuz in Herstelle untergebracht und eingeladen, aus unserem Alltag abzutauchen und ein wenig in diese Atmosphäre des Gebetes und des Schweigens einzutauchen.

In etwas hineintauchen bedeutet, mich ihm ganz aussetzen. Wenn ich in ein Wasser eintauche, nehme ich die Welt um mich herum auf einmal ganz anders wahr. Die Geräusche klingen dumpf und fern, bis sie in den Tiefen des Schwimmbeckens oder Sees ganz verstummen, eine andere Welt tut sich vor meine Augen auf, die sich am Rande stehend nicht gänzlich erschließen ließ. Ich spüre die Bewegungen des Wassers, die Kälte in der Tiefe und die wärmenden Strahlen der Sonne nahe an der Oberfläche.
Tauche ich in die Stille ein, entscheide ich mich für das Experiment Schweigen, so werde ich konfrontiert mit den Tiefen meiner Seele, meinen Gedanken und mir selbst. Dann kann auch die Stille auf einmal sehr laut sein. „…wenn das Geräusch, das meine Sinne machen, mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -: …“ heißt es in einem Gedicht von Rilke. So gut es auch ist, Zeit zu haben, über alles, was einen bewegt nachzusinnen, so sinnvoll ist es gleichzeitig, immer wieder in die Gegenwart aufzutauchen und das Hier und Jetzt bewusst wahrzunehmen und anzuschauen. Denn ich lebe nicht im Gestern und im Morgen, sondern nur im Heute.

Mit diesen Gedanken lade ich Sie ein, es einmal auszuprobieren, die Stille und das Heute. Gönnen Sie sich in Ihrem Alltag eine kleine Auszeit, einen ruhigen Moment nur für sich. Die Tasse Kaffee nicht nebenbei trinken, sondern bewusst den Duft in die Nase steigen lassen, die Wärme der Tasse spüren und letztendlich den ersten Schluck schmecken. Erfreuen Sie sich beim Weg zum Auto an der erwachenden Natur und grübeln Sie nicht gleich wieder darüber nach, was in Ihrem Garten noch alles gemacht werden müsste. Nehmen Sie wahr ohne zu denken und zu beurteilen. Sehen, hören, riechen, tasten und spüren Sie die Welt, in der Sie leben.

„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.“
     (Rainer Maria Rilke)

Ihnen und Ihren Familien eine gesegnete dritte Fastenwoche,
Ihre Anne Frank

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