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Am 4. März 2014, jährt sich der Todes- und Namenstag der Hl. Walburga, der (Mit)Gründerin und ersten Äbtissin des ehemaligen Damenstifts Heerse. Die Pfarrgemeinde Neuenheerse gedenkt immer am darauf folgenden Sonntag ihrer in besonderer Weise.

 

Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron..

...und vor den vier Lebewesen und vor den Ältesten. Aber niemand konnte das Lied singen außer den hundertvierundvierzigtausend, die freigekauft und von der Erde weggenommen worden sind. Sie sind es, die sich nicht ... befleckt haben; denn sie sind jungfräulich. Sie folgen dem Lamm, wohin es geht. Sie allein unter allen Menschen sind freigekauft als Erstlingsgabe für Gott und für das Lamm. (Offb 14,3f)

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir möchten Sie herzlich willkommen heißen, hier in der ehemaligen Stiftskirche von Neuenheerse. Wir freuen uns, dass Sie der etwas merkwürdige Titel unseres Nachmittags hierher geführt hat.
„Anmerkungen zur Geschichte von Neuenheerse“ so haben wir diese Reihe von Vorträgen überschrieben. Nach der hl. Saturnina, der Schutzpatronin dieser Kirche, wenden wir heute Ihre Aufmerksamkeit auf 2 Frauen, die – obwohl weitgehend vergessen - unlösbar mit der Geschichte dieses Dorfes, mit dieser Kirche und mit unserem Glauben verbunden sind.
Wer schon im Frühjahr unsere Darstellungen über Saturnina verfolgt hat, der weiß, dass wir uns nicht mit einer Vorlesungseinheit von 45 Minuten begnügen. Es ist frisch hier in der Kirche. Aber das müssen wir ihnen zumuten, denn auch für diesen Vortrag haben wir den Ort bewusst gewählt: Denn jene, von denen wir Ihnen erzählen werden, haben an diesem Ort, in dieser Kirche gestanden und gekniet, sie haben hier gebetet, und gesungen. Sie haben hier gelebt und sind hier gestorben. Hier warten sie auf die Auferstehung.
Sie folgten dem Lamm: Walburga und Helmtrud – die Heiligen von Neuenheerse.

Ein hoher Anspruch, den wir hier erheben. Walburga und Helmtrud - sie gehören zu den 144.000, die freigekauft sind für Gott, die sich nicht befleckt haben, die dem Lamme gefolgt sind, wohin es sie geführt hat.

Gehen wir in das Jahr 888. Rembert, Erzbischof von Hamburg und Bremen, ein enger Freund von Walburga und ihrem Bruder Liuthard, dem 2. Nachfolger von Hatumar auf dem Bischofstuhl von Paderborn, schreibt einen Brief adressiert an das Stift in Neuenheerse:

Blick über Neuenheerse im Winter Blick über Neuenheerse im Winter

Rembert, Knecht der Herde Gottes, seiner lieben Tochter Walburgis und den übrigen Jungfrauen und Bräuten Christi Heil im Herrn.
Der Bruder Adelgar, welcher eben von euch zurückkehrt, hat mir gesagt, dass ihr betrübt seiet, weil ihr so selten einen Brief von mir erhieltet. Indem ich wünsche, dies wieder gut zu machen, kann ich euch nichts Passenderes schreiben, als dass ihr in eurem Streben nach Heiligkeit verharren möget. Wollet ihr zur höchsten Stufe der Glorie gelangen, dann müsset ihr euren Leib und eure Seele durch jegliche Tugend vor dem Verderben schützen und für die Ewigkeit vorbereiten. Die innere Reinheit des Herzens in Gedanken und Begierden muss man pflegen und nähren, um die äußere Reinheit und Keuschheit bewahren zu können. Wenn ihr dies Geschenk Gottes durch seine Gnade erlangt zu haben glaubt, dann müsset ihr, wie die hl. Schrift ermahnt, große Demut in allem erstreben und ihr werdet Gnade finden vor Gott. Das ist der Weg, worauf ihr zu Christus, eurem Herrn und Bräutigam gelangen könnt. Denn er sagt selbst: „Lernt von mir, denn ich bin sanft und demütig von Herzen.“ (...)
Das, geliebte Töchter, habe ich nicht geschrieben, als ob ich etwas von Hochmut oder eitlen Rühmens an euch wahrgenommen hätte, sondern, weil ich wünsche, dass ihr zu denen gehöret, wovon geschrieben steht: „Denn sie folgen dem Lamme, wohin es geht.“ Wenn ich meinen Schmerz darüber ausdrücke, dass viele gefallen sind, so gebe ich euch den Rat, vorsichtig zu wandeln und wünsche, dass euer Herr und Bräutigam zu euch sagen möge: „Ganz schön bist du, meine Freundin, und kein Makel ist an dir.“ Folgt daher dem Lamme hier auf Erden in seinen Geboten, auf dass ihr ihm auch folgen möget im Himmel und singen möget das Lied, das nur der Chor der Jungfrauen singen kann. (...)

Soweit der Brief des hl. Rembert in Auszügen. Er gehört zu den wenigen Zeugnissen, die wir vom Leben der Walburga, der Schwester des Liuthard, der Gründerin und 1. Äbtissin des Stiftes Heerse haben.
Wir möchten Ihnen heute Nachmittag anhand dieser spärlichen Zeugnisse, über 2 Frauen aus der Frühzeit des Stiftes, einen Eindruck vermitteln über das Leben, das Denken und über die Sehnsucht dieser Frauen. Dafür aber müssen wir uns die Situation des Paderborner Landes im 9. und 10. Jahrhundert vor Augen führen:

Im Jahr 799...

Kirchenruine auf der Iburg Kirchenruine auf der Iburg

... wird das Bistum Paderborn in eine sächsisch-heidnische Umwelt hinein von Karl d. Gr. gegründet. 27 Jahre zuvor hat der Frankenkönig die Iburg erobert und geschleift, die Irminsul zerstört und auf der Iburg die Peterskirche bauen lassen.

Von dieser ältesten Kirche im Sachsenland aus begannen die christlichen Missionare das mühsame Werk der Bekehrung der Sachsen, die zeitgenössische Historiographen als die paganissimi, also die heidnischsten aller Völkerschaften charakterisierten. Ebenfalls schon seit 27 Jahren wüteten die Sachsenkriege, und sie sollten noch einige Jahre dauern.

Die frühen Paderborner Bischöfe wie Hatumar, Badurad oder Liutard, die klugerweise von den karolingischen Herrschern aus dem sächsischen Adel rekrutiert wurden, stützten ihr Missionswerk hauptsächlich auf einige wenige Stützpunkte, die wir heute Urpfarreien nennen und zu denen - vielleicht ab 820 – gehört auch Neuenheerse, mit einer Kirche, die dem hl. Quintinius geweiht war. Sie stützen das Missionswerk aber auch durch die Gründung von Klöstern und Stiften. Jene Männer und Frauen, die sich aufmachten, um das Evangelium zu verkünden, wurden von einem Ideal geleitet, das seit dem frühen Christentum lebendig war: Sie traten aus der Welt, der Sicherheit geordneter Existenzen heraus in die Abgeschiedenheit, in die Einsamkeit und in die Gefahr, um dort besonders durch das Gebet ein Leben ganz auf Gott hin zu führen und den Mitmenschen zu dienen. So erfahren wir von Gründungen

  • in solitudine, also in der Einsamkeit
  • in loco vatissimo, an den ödesten Orten
  • in silva, also in Wäldern.

Sehen wir uns aber die geographische Lage dieser sächsischen Neugründungen genauer an, so erkennen wir, dass dies eben nicht so war. Alle Neugründungen liegen an verkehrsgünstigen Platzen. Die Nähe von Städten, militärischen Anlagen, bekannten Handels- und Aufmarschstraßen gaben ihnen ein hohes Maß an Sicherheit und Kommunikationsmöglichkeiten.

Brunnen in der Krypta der Stiftskirche Brunnen in der Krypta der Stiftskirche

Auch Heerse macht hier keine Ausnahme:

  • 5 km sind es bis zur befestigten Anlage der Iburg
  • Paderborn ließ sich zu Fuß in einem Tag erreichen
  • und das Stift liegt unweit des Hellwegs, einer alten Handels- und Militärstraße.

Der Heerser Konvent war also nicht von aller Welt abgeschieden.

Wie wichtig allerdings die Stiftsgründung 868 war, zeigt sich darin, dass sie in einer Zeit stattfand, als nach der ersten Missionswelle das Christentum durch wieder auflebende heidnische Kulte im Volk sehr gefährdet war. Nachweislich war Neuenheerse ein sächsischer Kultplatz. Und genau an diesen Platz, an der Quelle der Nethe in ein Sumpfgebiet, das landwirtschaftlich nur mit bescheidensten Erträgen aufwarten kann, wurde die Kirche gebaut. Hier wurde das Stift zum christlichen Kontrapunkt gegen die heidnischen Praktiken und zur festen christlichen Bastion. Die Frauen mussten sich zeitweilig wie in einer lebensfeindlichen Umwelt vorgekommen sein. Das Ideal der Vollkommenheit und der Nachfolge des Lammes hatten sie hierher geführt und ließ sie hier ausharren. Dafür hatten sie die Sicherheit der Stadt, und sehr oft ihr luxuriöses, adliges Zuhause aufgegeben. Walburga mit ihren Sanctimonialen – wie sie damals oft genannt wurden – sind hier vorangegangen.

Ein halbes Jahrhundert später...

... hatte sich die Situation aber grundlegend gewandelt. Das Gebiet ist befriedet, und während es in anderen christlichen Gegenden der Welt im saeculum obscurum drunter und drüber geht (wenn ich das einmal so salopp sagen darf), erfreut sich die Kirche im Reich gefestigter Ordnung und eines blühenden religiösen Lebens.

Vielleicht war es gerade diese gesicherte Existenz und vielleicht waren es diese schon eingefahrenen Gleise, die in einer der Frauen, ihr Name ist Helmtrud, den Wunsch erwecken ließen, Christus in noch radikalerer Weise – gleich wie die Frühen Wüstenväter – nachzufolgen. Das Martyrium, die dichteste Form der Nachfolge des Lammes, war ihr nicht gewährt. Deshalb wählte sie die Lebensform der Inklusin, der Einsiedlerin. Aber bei dieser Heiligen sind wir noch nicht. Gehen wir noch einmal ein halbes Jahrhundert zurück und wenden wir unser Augenmerk auf Walburga, die Gründerin von Heerse.

Walburga

Wer also war diese Frau, Walburga, die Schwester des Bischofs Liuthard, die um das Jahr 868 das Stift Heerse gegründet hat? Was wissen wir von Ihr? Und was veranlasst uns, sie als Heilige von Heerse zu bezeichnen?

Fresko in der Lambertikapelle Fresko in der Lambertikapelle Das Necrologium Herisiensis Das Necrologium Herisiensis Siegel des Bischofs Liuthard Siegel des Bischofs Liuthard

Neben dem oben zitierten Brief des hl. Rembert von Hamburg bleiben uns als Quellen jene Urkunden, die uns in Neuenheerse aus dem 9. Jahrhundert überliefert sind: das sind zunächst

  • Gründungsurkunde der Synode von Worms aus dem Jahre 868
  • Bestätigung der Privilegien durch König Ludwig II, den Deutschen aus dem Jahre 871
  • Bestätigung der Privilegien durch Karl III. (21.09.887)
  • Urkunde vom Reichstag zu Forchheim (890)
  • Bulle Papst Stephans V.(VI.) von 890
  • Und hier unsere wichtigste schriftliche Urkunde, das NECROLOGIUM HERISIENSIS
    Es handelt sich dabei um einen Liturgischen Kalender, der im Jahr 1337 verfasst wurde, aber in seinem Urtext die Abschrift eines wesentlich älteren Werkes ist. Necrologium (Totenbuch) ist als Bezeichnung irreführend. Denn zunächst sind darin jährlich wiederkehrende Festtage und Heiligengedächntisse vermerkt. Dazu kommen dann wichtige Ereignisse, wie etwa den Tag einer Kirchweihe – und als 3. dann auch die Totestage bedeutender Persönlichkeiten, die mit dem Stift eng verbunden waren. Als Beispiel sei Otto der Große genannt, der im Necorlog als Frater, als Bruder, geführt wird.

Wir wissen weder, wann Walburga geboren ist, noch ihr Todesjahr. Ihr Todestag ist uns im Heerser Necrolog für den 4. März belegt. Erstmalig taucht ihr Name am 16. Mai 868 während der Synode in Worms auf. Unter anderem heißt es dort:

Luithard, Bischof der Kirche von Paderborn stellt der Synode vor: Seine Schwester mit Namen Walburg sowie einige andere edle Frauen haben sich entschlossen, im Gewand und gemäß der Regel der Sanctimonialen sich dem Dienste Gottes zu weihen. Da aber der Platz, den sie für ihr Vorhaben für günstig halten, der Paderborner Kirche gehört, so bittet er, dass die genannte Schwestern und die später hinzukommenden an diesem Ort Gott dienen dürfen. Als Entschädigung dafür gibt Liuthard, was ihm in Osdagishusen durch Erbrecht zufallen wird und seine Schwester all jenes, was sie in Lutzilandreni, Boichem und Herlingi besitzt. Die Versammlung bestätigt gern das Unternehmen und den vollen Besitz des im Gebiet des Weilers (villae), der Heresi genannt wird ...

Wir sehen, dass das Geschwisterpaar wohlhabend war. Sie gehörten dem sächsischen Adel an. Womöglich hatten ihre Eltern oder Großeltern ihre Güter von Karl dem Großen bestätigt oder übertragen bekommen. Bemerkenswert ist, dass Liuthard sein „zukünftiges“ Erbe eintauscht. Die Eltern scheinen noch zu leben. Während bei Walburga von ihrem Besitz die Rede ist. Eine Vermutung ist, dass sie Witwe war und hier das Erbe ihres verstorbenen Mannes eintauschte. An keiner Stelle aber wird sie als Witwe bezeichnet – ebenso wenig aber wird sie Jungfrau genannt.

In allen genannten Urkunden wird uns Walburga als willensstarke Frau vorgestellt. Eine stehende Wendung lautet: sie bleibt bei ihrem Eeschluss. Im Jahre 871 erfahren wir, dass Walburga tatsächlich Äbtissin des Stiftes ist. In der Urkunde Ludwig d. Deutschen heißt es: Des Bischofs Schwester Walburg soll das Stift Herisi innehaben, so lange sie lebt. Nach ihrem Tode soll das Stift eine Äbtissin wählen mit Zustimmung des Bischofs, und es soll unter dessen Aufsicht und Schutz stehen. Das Stift wird von der Gerichtbarkeit der kgl. Beamten befreit.

Damit hat das junge Stift Heerse königliche Immunität erhalten.

Bemerkenswert jedoch ist an dieser Urkunde für uns, dass die Äbtissin nach Walburga frei gewählt wird, dass es sich also nicht um eine Familienstiftung handelt. Damit ist uns ein weiterer Einblick in die Charakterzüge des Geschwisterpaares gegeben. Ihre Stiftung ist selbstlos, ohne familienpolitische Hintergedanke -- wie standesgemäße Versorgung von weiblichen Angehörigen oder die Stiftung als Grablege der Familie.

Liuthard stirbt am 2. Mai des Jahres 887 im 25. Jahr als Bischof. Von Unwan (918-935) einem seiner Nachfolger wird er selig gesprochen. Walburga hingegen scheint ihn um einige Jahre überlebt zu haben, da ihr Name in den Urkunden bis zum Jahre 891 erscheint – oder – wo der Adressat nicht mehr leserlich ist - zumindest vermutet wird

In diese Zeit, womöglich noch vor dem Tod ihres Bruders, fällt die Translation der Reliquien der hl. Saturnina von Sains les Marquion nach Neuenheerse. Durch diesen Akt ist nun über die materielle Sicherung der Gründung hinaus ein spiritueller Schatz hinzu gekommen, der – wenn, wie wir annehmen, Saturnina tatsächlich eine sächsische Märtyrerin der frühen Missionszeit ist – in seiner Tragweite für diese Gründungszeit kaum abzuschätzen ist. Neuenheerse ist damit zu einem christlichen Wallfahrtsort geworden.

Das Leben der hl. Walburga lässt sich weiter illustrieren, wenn wir unser Augenmerk nun auf die Lebensweise im Stift selbst lenken. Hierfür müssen wir noch einmal zurückgehen in das 2. Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts.

Kaiser Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Gr. war im Rahmen der sog. „Karolingischen Klosterreform“ bestrebt, die verschiedenen religiösen Gemeinschaften zu ordnen und sie unter dem Schutz des karolingischen Königtums für seine Reichsidee nutzbar zu machen. Im Reich gab es verschiedenste klösterlichen Vereinigungen, die sich auf sehr unterschiedliche Regeln beriefen. Auch das Vorhandensein von Missstände scheint ein Grund für den Wunsch nach einer Neuordnung geliefert zu haben. Im Jahre 816 berief er deshalb eine Reichsynode in Aachen zusammen.

Die Aachener Regel

Um in die verwirrenden Formen religiösen Gemeinschaftslebens eine Line zu bringen, wurde festgelegt, die Klöster und Stifte hätten sich entweder der Regel des hl. Benedikt oder einer auf dieser Synode neu gefassten Regel - institutio canonicorum (für die Männer) institutio sanctimonialium (für Frauen) - zu unterstellen. Trotz früher Zweifel können wir heute davon ausgehen, dass Liuthard und Walburga ihre Neugründung im Gebiet der Villa, die Herisi genannt wird, unter die Observanz dieser neuen Regel institutio sanctimonialium gestellt haben.

Diese Regel, das muss vorab gesagt werden, war ein Kompromiss, denn verschiedenste, schon bestehende Stifte hatten offensichtlich Wert darauf gelegt, ihre je eigene Lebensweise in diesem Werk wieder zu finden. Mit ihren 26 Canones ist sie der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle einigen konnten. So finden sich in ihr Widersprüche und – im Unterschied zur Regel des hl. Benedikt oder anderen einheitlich verfassten Regelwerke – oft sehr vage und weit auslegbare Formulierungen. Bei all diesen Mängeln aber ist sie geprägt von einem tiefen spirituellen Ideal, das gerade für eine Neugründung wie Herse prägend gewesen sein mag.

Wie also sah die Lebensweise im Stift Heerse im 9. und 10. Jahrhundert aus? Wir finden eine Gruppe von Frauen, Sanctimonialen genannt, die sich für ein gemeinsames Leben ob amorem Christi entschieden haben. Betont wird immer wieder die Gleichheit aller. Sie leben räumlich abgeschlossen von der Außenwelt in einer Klausur, sie schlafen im dormitorium, dem gemeinsamen Schlafsaal, sie essen gemeinsam im refektorium und bedienen sich am Tisch gegenseitig. Die institutio gibt sogar genaue Angaben, was jeder Schwester täglich zusteht: Täglich 3 Pfd. Brot und 3 Pfd. Wein; statt des Weines kann auch die doppelte Menge an Bier gereicht werden. Hinzu kommen Zuteilungen an Hülsenfrüchten, Gemüse, Käse und Fleisch. (Gehen wir davon aus, dass ein karolingisches Pfund 410 g entspricht, so kommen wir auf etwa 1,2 kg Brot und 1,2 Liter Wein – oder 8 Flaschen Bier am Tag.)

Vermauerte Tür als direkter Eingang zum Fräuleinchor Vermauerte Tür als direkter Eingang zum Fräuleinchor

Diese Festlegung mag – im Vergleich zur regula benedicti und unseren heutigen Trinkgewohnheiten – einigermaßen üppig erscheinen, sie entspricht jedoch den Gewohnheiten des Adels in der Karolingerzeit und setzt für diese Verhältnisse eher noch ein bescheidenes Maß. Wie oben erwähnt aber gab es Haken und Widersprüche in dieser Regel, die eine spätere Entwicklung begünstigten, die in allen sächsischen Stiften zur Verwässerung der ursprünglichen Lebensform geführt hat.

  • So ist neben der Verpflichtung zum gemeinsamen Schlafsaal die Möglichkeit eröffnet, im Klausurbereich eigene „Tageswohnungen“ (die Rede ist beispielsweise vom domus der Äbtissin und von mansiusculae der Stiftsfrauen) zu nutzen
  • Mit der Auflösung des claustrum, der Klausur ist hier die Entwicklung zu den Präbenden, also eigene Häuser mit festen Einnahmen, wie wir sie in Neuenheerse gut kennen, vorgezeichnet.
  • Auch das Gleichheitsprinzip konnte auf Dauer nicht durchgehalten werden, weil – wieder im Unterschied zu regula benedicti Privateigentum möglich war. Zudem war es den Frauen erlaubt, auch private Dienerinnen zur Seite zu haben, was wieder zu Unterschieden führt.
  • Und weil dieses Privateigentum verwaltet werden musste, war auch das Prinzip der Abgeschiedenheit von der Außenwelt auf Dauer kaum durchzuhalten. Äbtissinnen adeliger Reichsstifte wie Quedlinburg oder Gandersheim unterlagen zudem der Verpflichtung zur Hoffahrt, was jeweils eine längere Abwesenheit von der Kommunität mit sich brachte.

Auf dem Laterankonzil vom Jahre 1056 setzte dann genau an diesen Punkten die beißende Kritik des Archidiakons Hildebrand, des späteren Papstes Gregor VII. ein: Ludwig, so hieß es da, habe den Mitgliedern kanonikaler Kommunitäten vorab die Erlaubnis zur Nutzung persönlichen Besitzes und Eigentums erteilt, was der Auflösung der vita communis Vorschub geleistet hätte. Die noch größere Lebensmittelzuteilung der Männerregel wurde mit folgenden Worten kommentiert. ... damit könnten Zyklopen in Vollrausch versetzt werden, damit würden Gesindel und Prostituierte angezogen. (Schilp 19)

Und die Institutio sanctimonialium wird mit den Worten abgetan:

Von welcher Autorität also ist jene Regel, die gegen die rechtgläubige, apostolische Lehre und die Tradition der Kirchenväter den Sanctimonialen kirchliche Stipendien und Benefizien zugesteht, nur weil sie zu einer Gemeinschaft gehören, und obendrein noch Eigentum besitzen oder erwerben. Und obendrein kennt man diese institutio sanctimonialium weder in Afrika noch in Asien und Europa mit Ausnahme einer winzigen Ecke Germaniens.

Kritisiert werden hier die aus der Kompromisshaftigkeit der Regel kommenden Verwässerungserscheinungen. Die Kritik mag damals berechtigt gewesen sein. Allerdings dürfen wir dabei die Zeitebenen nicht verwechseln. Wenn ein adeliges Geschwisterpaar in der Zeit der Missionierung Sachsens sich entschließt, ihr gesamtes Vermögen für Gebet und Gottesdienst nach der institutio sanctimonialium einzusetzen, so kann dies nur aus einem tiefen Glauben heraus und mit großer Begeisterung erklärt werden. (Die Gründungsurkunde von 868 legt in ihrer Formulierung nahe, dass explizit diese Regel gewählt wurde: ... sub scantimoniali habitu et professione divina)

Pfeiler auf der Südseite der Stiftskirche Pfeiler auf der Südseite der Stiftskirche

Zumal die Gründung von Heerse unter den Frauenstiften Sachsens – wie oben erwähnt - eine Ausnahme. Handelte es sich doch bei fast allen um Familienstiftungen mit der Auflage, den Äbtissinenstuhl mit einer Familienangehörigen zu besetzen, beziehungsweise mit der Kirche als Familiengrablege das Gebetsandenken über den Tod hinaus zu sichern. Von all dem hören wir in Neuenheerse nichts. Deshalb dürfen wir annehmen, dass für die Gründung des Stifts in Heerse vorrangig tiefe spirituelle Motive ausschlaggebend waren. Die Regel wurde mit echtem, spirituellen Geist belebt.

Dann aber müssen wir uns an der Stiftskirche in Heerse einen Klosterbereich mit strenger Klausur vorstellen, also mit Schlafsaal und Krankenstation, mit Küche und Speisesaal, womöglich mit einem Scriptorium und - dem in der Regel ausgewiesenen - receptaculum, einem Raum zur Versorgung verarmter Frauen und Witwen annehmen (zumindest für die Fastenzeit sah die Regel vor, dass die Sanctimonialen ihren armen Gästen sogar die Füße wuschen).

Wieder ist es der Necrolog, der uns auch in der Frage nach einer Klosteranlage mit dem Eintrag zum 9. September einen Hinweis gibt:

DEDICATIO MONASTERII HERISIENSIS... und für den selben Tag: DEDICATIO ECCLESIAE Also Weihe des Heerser Klosters ... Weihe der Kirche. Einen weiteren Anhaltspunkt für eine Vita communis in klösterlicher Form bis ins 14. Jahrhundert finden wir heute noch an der Südseite unserer Kirche: Diese Fassade wurde um das Jahr 1300 völlig neu aufgebaut. Auf einer Höhe von ca. 2, 5 m findet sich eine vermauerte Tür, die von der 1. Etage eines Anbaues in die Kirche – hier direkt zum Fräuleinchor - geführt haben muss. Der Westliche Stützpfeiler des südlichen Querschiffes ist in seinem Oberen Bereich im Verbund gemauert, im unteren fehlt der Verbund, so dass zu vermuten ist, dass beim Bau der Kirchenwand an dieser Stelle ein niedrigeres Gebäude gestanden hat.

Hier stand die Laurentiuskapelle Hier stand die Laurentiuskapelle

Auch die um 1870 abgerissene Laurentiuskapelle, die an jener Stelle stand, die heute die hl. Saturnina ziert, passt in das Konzept der institutio. Denn um eine strenge Trennung von Klerikern und Stiftsfrauen zu ermöglichen waren 2 Kirchen vorgesehen. In Neuenheerse gab es zudem – wie die institutio vorschreibt - ein Hospiz für Pilger und Arme, bzw. Kranke, das mit eigenem Vermögen ausgestattet war. Bis heute hat sich wohl ein Teil dieses Vermögens im sog. „Armenfonds“ der Kirchengemeinde erhalten. (Gemmeke 390 ff.)

Was aber war nun der Auftrag dieses Stiftes?

Von manueller Arbeit, wie sie in der regula benedicti, zwingend vorgesehen ist, lesen wir in der institutio nur am Rande. Hier wird erwähnt, dass es Zuteilung an Wolle gab, zum Spinnen und Weben der eigenen Kleidung. In der Kirche mussten die Frauen übrigens einen Schleier tragen, ansonsten schlichte nigras vestes. Die Kleidung sollte Ausdruck einer demütigen inneren Haltung sein.

Aber zurück zum Auftrag der Sanctimonialen: Er bestand vor allem im Gebet und zwar im kompletten Offizium mit Matutin, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet. Hinzu kam die Lectio divina, die Lesung aus der Heiligen Schrift, und die persönliche Meditation. Bedenkt man, dass mit diesem Gebet, beginnend kurz nach Mitternacht, viele Stunden des Tages ausgefüllt waren, so darf angenommen werden, dass der eigentliche Auftrag des Stiftes Heerse im Gebet bestand. Es ist ein Versuch die Forderung des Apostels, betet allezeit, zu realisieren (Full-time-job).

Ämter im Stift

Werfen wir nun einen Blick auf die Ämter im Stift: Äbtissin: Sie hatte uneingeschränkte Leitungsgewalt, zugleich aber eine Fürsorgepflicht für die Sanctimonialen. Nach ihrer freien Wahl, bedurfte sie noch der Bestätigung des Ortsbischofs. Der Äbtissin im Leitungsamt stand die Pröpstin zur Seite. In Neuenheerse erscheint zudem die Dechantin: Sie wird in der institutio nicht erwähnt, hatte aber hier zumindest ab dem Spätmittelalter die 2. Stelle inne (während die Pröpstin nach Ausweis des Grabsteins der Katharina Korff/Schmiesing wohl die Oberaufsicht über die Kirche zustand). Weiter gab es eine Cellerarin, die für die Versorgung, für den Keller verantwortlich war. Dieses Amt dürfe keinesfalls – so die institutio - von einer Trinkerin ausgeübt werden. Hinzu kommt die Portaria, die Pförtnerin, deren Verpflichtung darin bestand, die Trennung zwischen Klausur und Außenwelt zu gewährleisten. Auch in den Neuenheerser Akten hören wir von der Küsterin, der custos: Sie hatte die Glocke zu den Gebetszeiten zu läuten, wohl war ihr auch das Inventar der Kirche und die Sorge um die Beleuchtung anvertraut. Als weiteres Amt, das wir in Übereinstimmung mit der institutio für Neuenheerse annehmen dürfen, war die magistra, die Lehrerin. Ihre herausragende Eigenschaft muss eine vorbildliche Lebensführung, also nicht in erster Linie die Bildung sein. Sie hatte die Mädchen im Lesen und Schreiben – auch im Lateinischen - auszubilden, damit diese das Offizium beten können.

Übrigens sieht die institutio indirekt wenigstens die Aufnahme auch nichtadeliger Frauen vor, (was in einem Fall für das Stift Essen nachgewiesen scheint.), für Neuenheerse jedoch aufgrund der Quellenlage derzeit nicht klärbar ist. Die Verpflichtung zur Aufschwörung von 16 adeligen Vorfahren, wie wir sie hier an unseren Seitenaltären sehen, taucht in der Geschichte der sächsischen Stifte erst sehr spät, etwa ab dem 15. Jahrhundert auf. Die institutio sanctimonialium sah also in ihrem Ideal ein selbstverpflichtetes strenges Leben in Gemeinschaft vor. Es ging um die Liebe zu Christus, um deretwillen die Trennung von der Welt auf sich genommen wurde. Und es ging um das Gebet als Dienst an Gott und als Dienst für die Welt.

Heilige Walburga?

Eintrag zu Walburga im Necrologium Eintrag zu Walburga im Necrologium

Kehren wir zurück zu unserer Gründerin. Ihr Todesjahr ist uns nicht bekannt. Es mag zwischen den Jahren 891 und 900 gelegen haben. In den wenigen Urkunden des 10. Jahrhunderts taucht ihr Name nicht mehr auf.

Mit welchem Recht aber nennen wir Walburga eine Heilige? Eine Kanonische Heiligsprechung wie wir sie heute kennen findet erst mit Ulrich im Jahre 963 statt. Vorher war die Verehrung des Volkes ausschlaggebend, der sensus ecclesiae, das Empfinden des Volkes Gottes also. Nach Anhaltspunkten für dieses Empfinden müssen wir deshalb Ausschau halten.

Der Necrolog erinnert ohne große Erklärungen an ihren Todestag:

4. März: O(biit) Dna. waltburga lc (?) V. ??? Hier jedenfalls steht kein Sancta. Nicht einmal die Gründung findet eine Erwähnung. Nur das vorangestellte Domina ist einmalig im Necrolog und bezeichnend. Auch die nachgestellte Abkürzung lc kommt nur hier vor, können von uns aber nicht gedeutet werden. Das rote V am Rande findet sich an 2 anderen Stellen – ebenfalls Äbtissinen - wieder. Womöglich könnte es ein Kürzel für venerabilis, verehrungswürdig sein.

Grabplatte der hl. Walburga Grabplatte der hl. Walburga

Mehr Auskunft gewinnen wir aus der Inschrift ihrer Grabplatte:

Hic veneranda jacet Walburgquae mente virili
Strucit et hoc rexit prima Monasterium.
Subjectis vitae tribuens exempla beatae
Esslesiae cuntas amplificavit opes
Nunc te, Christe, pium videat quem semper amavit,
Ut dextris illam consocies ovibus
IIII (Quartus). Non. Mart. obiit.

Hier ruht die verehrungswürdige (venerabilis!) Walburga.
Mutig gründete sie dieses Stift und leitete es zuerst.
Den Ihren gab sie das Beispiel eines heiligmäßigen (sanctae!) Lebens.
Ihrer Kirche schenkte sie ihre Güter.
Nun mag sie dich, Christus, den sie stets geliebt hat, als treu erkennen,
da du sie zu den Schafen an deiner rechten Seite stellst.
Sie starb am 4. März.

Nun gibt es aus den Stiftszeiten noch das Memorienbuch: ein Kalender für wichtige Ereignisse und Gedächnisse und mit Ausführungen, wie diese Gedächtnisse zu begehen sind. Darin heißt es zum 4. März, dem Gedächtnis der Walburga:

Am Vortag wird zur dritten Stunde das officium defunctorum gesungen und die Kapelle der Walburgis besucht. Am Tag selbst wird die Predigt gehalten und erfolgt die Prozession über den Friedhof; nach der Terz das Hochamt zur üblichen Zeit. Nachmittags nach der Non geht man wieder in Prozession zur Kapelle. Die Priester und der Kaplan der Äbtissin, der Distributor, der Sakristan und der Organist essen beim 1. Pastor an zwei Tagen mit guten Gerichten zu Mittag, mit Bier und ohne Wein; und sie essen zu Abend; zum Abendessen werden Brot, Butter, Käse mit Bier gereicht. Jede Jungfrau erhält einen Krug Wein, die Priester ½ Schäffel Weizen, der 1. Pastor erhält 2 Gulden, der 2. Pastor 1 Gulden.

Beschrieben wird also ein hoher Feiertag, der auch gebührend durch Gottesdienste und Festessen gefeiert wird. Wobei allerdings das Totenoffizium vom Vortag einer kompletten Anerkennung als Heilige widerspricht. Bemerkenswert ist weiter, dass von der Kapelle der Walburga gesprochen wird.

Die Lambertikapelle: Der älteste noch erhaltene Sakralbau im Hochstift Paderborn?

Grundriss der Kirche mit eingezeichneten Teilbauten und Ereignissen Grundriss der Kirche mit eingezeichneten Teilbauten und Ereignissen Abknickende Achse des Kirchenbaus Abknickende Achse des Kirchenbaus

An dieser Stelle nun möchten wir eine etwas gewagte Theorie vorstellen, die da lautet: Der Kirchenbau in Neuenheerse selbst ist ein Indiz für die Verehrung der hl. Walburga. Wie kommen wir darauf?

Erinnern wir uns an die Urpfarrei von Heerse; sie setzt eine Kirche voraus, die aller Wahrscheinlichkeit unter dem Patronat des hl. Quintin stand. Taufbrunnen im Westen! Nach der Gründung des Stiftes nun, war dieses Kirchlein zu klein geworden, entsprach also nicht mehr den liturgischen Anforderungen eines Stiftes. Man begann deshalb eine neue, größere Kirche zu bauen, eine Basilika. Bei den Ausgrabungen von 1992 wurden die Grundmauern dieser neuen Kirche entdeckt. Während des Baues nun nutzte man noch die alte Pfarrkirche, plante aber diese nach Fertigstellung der neuen Kirche abzutragen. Und in diese Baustelle hinein mögen auch die Reliquien der hl. Saturnina gekommen sein. Wir vermuten, dass Walburga während der Bauphase starb. Sie wurde – ob auf eigenem Wunsch oder aus Pietät der Mitschwestern - in jener alten Kirche begraben. Nun aber konnte man diese Kirche nicht mehr abtragen. Deshalb wurde der Plan dahingehend geändert, dass man die Basilika an die alte Pfarrkirche mit dem Grab der Walburga anzubinden versuchte. Das aber bereitete einige Schwierigkeiten: Die Basilika zwar westlich von der alten Kirche begonnen, ihre Achse jedoch lief nicht auf die alte Kirche zu. Deshalb musste man wohl oder übel ab der Vierung die Kirche leicht nach Süden abknicken lassen. Dieser Knick hat sich bis heute erhalten – und ist gut erkennbar. Wenn diese Theorie stimmt – und das können nur die Archäologen durch Ausgrabungen belegen – dann ist unsere Lambertikapelle, die Kapelle der hl. Walburga, der älteste noch erhaltene Sakralbau im Hochstift Paderborn.

Die Umbettung

Der Schrein der hl. Walburga im Hochaltar der Stiftskirche vergrößernDer Schrein der hl. Walburga im Hochaltar der Stiftskirche

Um aber diese müßige Diskussion zu einem Ende zu bringen, verweisen wir auf dieses Büchlein, das wir während unserer Nachforschungen im Pfarrarchiv entdeckt haben. Es hat den Titel: Amici Dei, qui in Hersa viverunt, vel ibidem habent requiem sepulturi.

Wir waren nicht wenig aber umso angenehmer überrascht, als wir beim Überfliegen der Eintragungen, die wohl noch aus dem 19.Jahrhundert stammen, bemerkten, dass wir nicht die Ersten sind, die die Frage nach der Heiligkeit unserer Gründerin stellen. Eine Fülle von Belegen wird darin angeführt, bei denen Walburga in die Reihe der 144.000 gestellt wird. Nicht unerwähnt wollen wir aber lassen, dass im Laufe der Jahrhunderte eine Tendenz festzustellen ist, in der diese Heilige im Stift selbst mehr und mehr in Vergessenheit gerät. So wird ihr Gedenktag in den späteren Jahrhunderten weniger feierlich begangen, sie wird kauf noch erwähnt bis in die Zeit kurz nach Auflösung des Stiftes, als die Kapelle der Walburga zum Lagerschuppen für den Eisenbahnbau verkommen war. 1823 sollte diesem untragbaren Zustand ein Ende bereitet werden. Gemmeke schreibt darüber: Am 26. September 1823 wurden die Gebeine der Stifterin Walburga durch den Generalvikar Dammers, den nachmaligen Bischof, erhoben. Vormittags gegen 10 Uhr begab man sich zum Grabe. Die etwa einen Fuß erhöht liegende, nicht sehr dicke und schon gebrochene Grabplatte und die ganze Erhöhung wurden entfernt. Als man nach etwa anderthalb Fuß in die Tiefe gegraben hatte, fand man ein kleines, aus grauen Dachplatten zusammengesetztes Grab, etwa anderthalb Fuß lang, einen Fuß breit und anderthalb Fuß tief, und darin die Gebeine. Es hatte also schon einmal früher eine Umlegung stattgefunden. Nach dieser Feststellung hielt man vorerst ein und ließ durch einen Schreiner einen kleinen Kasten ganz in Form und Größe eines Kindersargs anfertigen. Nachmittags nach 2 Uhr begab sich dann der Generalvikar unter Assistenz zweier Leviten in Begleitung mehrerer Geistlichr, alle in schwarzem Ornat, wieder zum Grabe. Unter dem Geläute aller Glocken, auch der kleinen „Exequienglocke“ über der Lambertikapelle, wurden die Gebeine erhoben, in den kleinen Sarg gelegt, versiegelt, und es wurde darüber vom Notar Schröder ein Akt aufgenommen. Dann wurden die Psalmen "Miserere" und "De profundis" und einige Orationen gebetet und dann die Reliquien, von Geistlichen getragen, in die Kirche gebracht, auf dem hohen Chore auf einen Tisch gestellt und inzensiert und damit die Feier beschlossen. Nachher wurde hinten im Hochaltar ein Raum gerichtet und darin der Kasten beigesetzt.

Was aber Pfarrer Gemmeke nicht wusste: Diese damals erhobenen Gebeine waren wohl die, einer anderen, jüngeren Äbtissin. Denn als der Archäologe Esterhues 1964 das Grab noch einmal öffnete, fand sich das kleine Verlegungsgrab wie berichtet. Unter diesem Grab jedoch befand sich ein weiteres, mit einem vollständigen Skelett. Bei diesem handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um die Gebeine der Gründerin (heute [befinden sich] 2 Skelette im Schrein).

Soweit zu Walburga, der Gründerin, der Frau, die diesen Ort in seiner Geschichte am nachhaltigsten geprägt hat. Ob sie nach den Maßgaben der Kirche als Heilige gilt, mag umstritten sein; alles, jedenfalls, was wir aus ihrem Leben überliefert haben, weist auf eine entschiedene Nachfolge Jesu Christi hin.

Am 4. März 2012, an ihrem Todes- und Namenstag, wird die Gemeinde der Stifterin und ersten Äbtissin gedenken. Nach dem Hochamt werden die Lambertikapelle mit dem Grab der Hl. Walburga und die Schatzkammer bis ca. 11.00 Uhr geöffnet sein. Am Nachmittag um 17.30 Uhr wird unter dem Thema „Stiftsgeschichte und Kirchenmusik - Auf den Spuren der Hl. Walburga und ihrer Nachfolgerinnen“ interessierten Besuchern Gelegenheit gegeben, mehr über das Wirken der Äbtissinnen und Stiftsdamen in fast 1000 Jahren zu erfahren.

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