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„Wenn mal wieder der Kopf raucht …“

Krankenhauspfarrer
Edgar Zoor

Pilgern ist „in“ – immer noch. Wir entdecken gerade, dass auch unsere Gegend hier vom Jakobsweg durchzogen ist. Viele Frauen haben am 16. Juni in unserem pastoralen Raum Bad Driburg einen ökumenischen Pilgerweg genossen. Manchmal können wir beim Pilgern wirklich überrascht werden, wie nahe gelegen doch ein wichtiger Ort für unseren inneren Menschen sein kann. Um das zu erfahren,  braucht es oft nicht die moderne Langzeitwanderung in europäische Küstenstädte. Die Menschen vor uns hatten da auch schon ihre eigenen, nahen Ziele. Wir haben diese Ziele heute manchmal vergessen, vielleicht gerade aus dem Grund, weil sie uns so nahe sind. Darum möchte ich Ihnen heute - am Tag des hl. Johannes (24. Juni) - ein wenig von solch einem nahgelegenem Pilgerziel erzählen:

Vielleicht waren Sie ja schon öfters dort: an der Kluskapelle in Pömbsen. Sie liegt nicht in einem romantischen Tal versteckt, sondern sehr gut sichtbar auf einem Bergkamm positioniert. Diese liebevoll gepflegte Kapelle mit ihrem barocken Hochaltar, dem übergroßen Kruzifix und ihrer kleinen Glocke ist  dem hl. Johannes dem Täufer geweiht. In ihr befindet sich eine aus Holz geschnitzte Nachbildung seines Martyriums: auf einer Schale liegt sein Haupt, das ihm auf Befehl des Herodes abgeschlagen wurde (vgl. Mk 6,27). Diese Schale - bzw. ihr Original, das heute an einem sicheren Ort aufbewahrt wird - war in den vergangenen Jahrhunderten Ziel vieler Pilgernder: vor allem dann, wenn sie ein Kopfschmerz plagte, zogen die Menschen zur Johannesklus hinauf. Sie nahmen die Schale mit dem Konterfei des abgeschlagenen Prophetenhauptes in ihre Hände und gingen einige Male um die Kapelle herum. Viele bezeugen, dass sie daraufhin vom Kopfschmerz befreit wieder nach Hause gehen konnten.

Haben Sie vielleicht gerade etwas geschmunzelt, als Sie die letzten Zeilen  gelesen haben. Das darf sein! Oder haben Sie sich sogar geärgert – über solch einen abergläubigen Humbug in einer Ausgabe der Pfarrnachrichten des 21. Jahrhunderts? Auch dann möchte ich Folgendes an Sie weitergeben: Für uns heute ist bei einsetzenden Kopfschmerzen eine Wallfahrt zur Johannesklus in Pömbsen bestimmt nicht mehr der erste Versuch, das Pochen im Schädel wieder loszuwerden. Doch die Menschen, die früher zusammen mit ihrem Vieh unter einem Dach in oft dunklen, miefigen und schwarzverräucherten Höfen lebten, haben mit Sicherheit durch den Weg hinauf zur Kluskapelle an der frischen Luft auf ganz natürlichem Weg ihrem Körper etwas Gutes getan und wohl auch Linderung ihrer Beschwerden erfahren.

Heute kennen wir da andere Mittel. Und trotzdem: wenn mir der sprichwörtliche Kopf raucht, weil ich bei allen  Fragen keine Antworten mehr finde, dann gehe ich gerne zur Kluskapelle hinauf. Von hier aus haben wir einen unglaublich weiten Blick in die grenzenlose Landschaft. Das tut einfach gut. Mit den Augen meines Leibes sehen zu können, dass es einen nicht enden wollenden Wechsel von Hügeln und Tälern, von Höhepunkten und Tieflagen gibt, schenkt mir oft für die Augen meiner Seele die Gewissheit, dass meine augenblicklichen Probleme nicht wie ein unverrückbarer Berg vor mir liegen bleiben müssen. Der Blick auf die Weite der Landschaft macht mir immer wieder den Kopf frei von dem Starren auf das Schwierige, das sich in meinem Alltag oft breit machen oder anhäufen  kann. Sich einfach eine gute Zeit lang in die Weite der Schöpfung hineinzusetzen, schenkt mir immer die innere Hoffnung, selbst Teil eines wunderbaren, vollkommen erfüllten Ganzen zu sein. Meine Antwortlosigkeit auf die Fragen meines Alltags verlieren dann manchmal wie von selbst ihre bedrohliche Leere. Pilgern ist wirklich „in“ – immer noch!

 

Edgar Zoor, Krankenhauspfarrer

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