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„…um deren Glauben niemand weiß als du.“

Pfarrer Hubertus Rath

Zachäus aus Jericho war kein Mann, der von seinen Mitbürgern aus Gemeinheit geschnitten und ausgegrenzt wurde. Zachäus war ein richtig übler Kerl. Zöllner wurde man, indem man von den Römern eine Zollstelle an einem Stadttor, einer Brücke oder einem Gebirgspass pachtete und dann den Passanten Geld abknüpfte, möglichst viel Geld. Und da wurde mit allen Tricks gearbeitet bis hin zu gefälschten Gewichten. Zöllner waren geldgierige Betrüger, denen die Passanten hilflos ausgeliefert waren. Kein Wunder also, dass er von seinen Mitbewohnern geschnitten wurde.

Wenn im Evangelium extra betont wird, dass er klein war, dann bezieht sich das nicht nur auf seine äußere Gestalt, sondern auch auf sein Ansehen, dass er bei den Leuten genoss. Er war unehrlich und darüber hinaus kollaborierte er noch mit der römischen Besatzungsmacht. So einer geht doch gar nicht.
Und so steht er eben nicht in der ersten Reihe an der Straße, als Jesus in Jericho zu Besuch ist, sondern alle anderen, die Jesus sehen, sprechen oder begrüßen wollten, standen vor ihm. Und ausgerechnet auf diesen kleinen, geringgeschätzten Mann geht Jesus zu und sagt: Bei dir muss ich zu Besuch sein.

Natürlich sind alle anderen schockiert, wütend und fassungslos. Im Gegensatz zu ihnen erkennt Jesus in ihm den guten Kern, der später zum Vorschein kommt. Für alle anderen bleibt er der Zöllner und dass geht doch gar nicht, dass Jesus ausgerechnet bei ihm einkehrt.

„Der geht doch gar nicht!“ wie oft sagen wir das über andere Menschen, manchmal voreingenommen, oft begründet in schlechten Erfahrungen mit ihnen.

„Der geht doch gar nicht!“ sagt das Kirchenrecht über Ausgetretene, Menschen in zweiter Ehe, Menschen mit „verkehrter“ Sexualität und vor dem zweiten vatikanischen Konzil sogar über Menschen mit anderer Konfession.
Seit der Geschichte mit Zachäus stellt sich die Frage: Aber was ist, wenn Jesus an all den rechtschaffenen Menschen, die ohne Brüche in ihrer Lebensgeschichte sind, vorübergeht und ausgerechnet die anspricht, die unserer Meinung nach doch gar nicht gehen. Wie stehen wir dann da?
Deshalb gelten seelsorglich andere Regeln als kirchenrechtlich und in der Synode Mitte Oktober scheint das Seelsorgliche schwerer gewichtet worden zu sein als das Kirchenrechtliche. Als Pfarrer kann ich nicht tun und lassen, was ich will. Ich bin eingebunden in ein System von Regeln und Richtlinien. Und das ist auch gut so. Weiß ich doch, dass ich als einzelner nicht schlauer bin, als das Ganze. Aber ich kann wählen, ob ich meine Schwerpunkte eher auf das Kirchenrechtliche oder auf das Seelsorgliche setze. Und da bin ich für Sie hoffentlich eindeutig erkennbar.

Mein alter Heimatpfarrer Karl Becker hat mir mit auf den Weg gegeben: „Stelle nie jemanden bloß, weder von der Kanzel noch vor der Kommunionbank.“ Und „Hör zu, bevor du sprichst, denn die meisten haben niemanden, der ihnen zuhört.“ Je länger ich im Dienst bin, umso deutlicher erkenne ich, dass das keine Allgemeinplätze sind, sondern wichtige Grundregeln, gerade auch im Blick auf die Zachäusgeschichte und die Menschen, die wir begründet oder unbegründet für unmöglich halten, auf die Jesus aber trotzdem zugeht.

In einer kleinen Formulierung wird dieser Offenheit Jesu im Gottesdienst Rechnung getragen. Im vierten Hochgebet heißt es im Abschnitt für die Verstorbenen: … um deren Glauben niemand weiß als du.“ Und im Grunde ist auch das Fest Allerheiligen ein Tag für alle, um deren Glauben niemand weiß als Gott.

Ihr Pfarrer Hubertus Rath

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